Jahr
1995
Text
Gu, Zhengxiang. Deutsche Lyrik in China [ID D11596].Gu schreibt über Friedrich Hölderlin : Seine geringe Beachtung in China ist kein zufälliges Phänomen. Die Schwierigkeiten beruhen auf der schwierigen Editionslage seiner Werke. Die Erstellung einer zuverlässigen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe dauerte bis 1985. Es war schwierig, die Handschriften und Drucke zusammenzutragen und zu sichten, die immer wieder korrigierten Handschriften waren schwer zu entziffern. In den 1950er und 1960er Jahren hatten die chinesischen Forscher und Lektoren keinen Zugang zum Quellenstudium in Deutschland. Deshalb konnten sie die Neuentdeckung und Neubewertung der Dichtung von Hölderlin nicht verfolgen.Hölderlin zeichnet sich vornehmlich als Dichter der Antike, Dichter der Götter, Dichter der Natur, Dichter der Heimat und des Vaterlands aus. Seine Liebesgedichte sind – im Vergleich zu seinen "Vaterländischen Gesängen" – zwar nicht von derselben Wichtigkeit, dennoch von erstrangiger Bedeutung. Repräsentativ für seine Liebeslyrik sind die Diotima-Gedichte, die er seiner Geliebten Susette Gontard gewidmet hat. Diese Lyrik besitzt seine Eigenart und bildet zusammen mit dem Roman Hyperion einen zentralen Bestandteil seines gesamten Werkes. Im 1. Stadium Frankfurt a.M. werden mit der Begegnung der Liebenden Glück und Macht der Liebe gefeiert. Deshalb dominieren hymnischer Ton, fröhliche Stimmung und heller Rhythmus. Im 2. Stadium Homburg, Stuttgart, Tübingen sind die Leitmotive Trauer um Abschied, Trennung und Liebesschmerz. Nachdem die Diotimakrise überwunden ist, schreibt er mit Gelassenheit auch Liebesgedichte, die jeweils nicht so sehr Zeit-, Orts- oder Personengebunden sind. Sie haben einen allgemeingültigen lebensphilosophischen Charakter. "Liebe" bei Hölderlin ist ein zentraler Faktor seiner Weltauffassung und Zukunftsvision.Der chinesische Leser kann durch seine Lyrik erfahren, dass auch die deutschen Frauen jahrhundertelang unter den geistigen Fesseln der Liebe und Ehe wie…
Gu, Zhengxiang. Deutsche Lyrik in China [ID D11596].
Gu schreibt über Friedrich Hölderlin : Seine geringe Beachtung in China ist kein zufälliges Phänomen. Die Schwierigkeiten beruhen auf der schwierigen Editionslage seiner Werke. Die Erstellung einer zuverlässigen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe dauerte bis 1985. Es war schwierig, die Handschriften und Drucke zusammenzutragen und zu sichten, die immer wieder korrigierten Handschriften waren schwer zu entziffern. In den 1950er und 1960er Jahren hatten die chinesischen Forscher und Lektoren keinen Zugang zum Quellenstudium in Deutschland. Deshalb konnten sie die Neuentdeckung und Neubewertung der Dichtung von Hölderlin nicht verfolgen.
Hölderlin zeichnet sich vornehmlich als Dichter der Antike, Dichter der Götter, Dichter der Natur, Dichter der Heimat und des Vaterlands aus. Seine Liebesgedichte sind – im Vergleich zu seinen "Vaterländischen Gesängen" – zwar nicht von derselben Wichtigkeit, dennoch von erstrangiger Bedeutung.
Repräsentativ für seine Liebeslyrik sind die Diotima-Gedichte, die er seiner Geliebten Susette Gontard gewidmet hat. Diese Lyrik besitzt seine Eigenart und bildet zusammen mit dem Roman Hyperion einen zentralen Bestandteil seines gesamten Werkes. Im 1. Stadium Frankfurt a.M. werden mit der Begegnung der Liebenden Glück und Macht der Liebe gefeiert. Deshalb dominieren hymnischer Ton, fröhliche Stimmung und heller Rhythmus. Im 2. Stadium Homburg, Stuttgart, Tübingen sind die Leitmotive Trauer um Abschied, Trennung und Liebesschmerz. Nachdem die Diotimakrise überwunden ist, schreibt er mit Gelassenheit auch Liebesgedichte, die jeweils nicht so sehr Zeit-, Orts- oder Personengebunden sind. Sie haben einen allgemeingültigen lebensphilosophischen Charakter. "Liebe" bei Hölderlin ist ein zentraler Faktor seiner Weltauffassung und Zukunftsvision.
Der chinesische Leser kann durch seine Lyrik erfahren, dass auch die deutschen Frauen jahrhundertelang unter den geistigen Fesseln der Liebe und Ehe wie in China gelitten haben.
Meiner Auffassung nach ist die Heimat Hölderlins, die Neckar-Gegend, Schwaben, die Rhein-Main-Gegend, sowie Deutschland und Europa, das Zentralthema, das ihn am meisten bewegt und den Höhepunkt seiner Lyrik bildet. Seine Heimatdichtung kann nicht nur deutsche, sondern auch chinesische Leser begeistern, denn die Heimat-Auffassung der Chinesen stimmt mit der Auffassung Hölderlins überein. Sie kann auch in China einen breiten Verständnis- bzw. Erfahrungshorizont eröffnen. So steht seine Dichtung aus diesem Themenkreis in der Rezeption in China im Vordergrund.
Ein chinesischer Übersetzer deutschsprachiger Lyrik hält sich kaum am originalen Versmass fest. Dies ergäbe eine mechanische, äusserliche Annäherung, aber keineswegs eine exakte Wiedergabe, so bleibt durch die Übertragung nur noch die äussere Kontur der dichterischen Form erkennbar. Die Versgestaltung, die innere rhythmische Struktur des Originals sind kaum beizubehalten. Wichtig für den Leser ist, dass das poetische Bild nicht entstellt, dessen Geist und poetische Stimmung nicht verfälscht und möglichst originalgetreu vermittelt wird. Der Übersetzer, der Kulturvermittlung als seine Aufgabe betrachtet, sollte ein tieferes Verständnis des Gedichtes erlangen als ein chinesischer Leser, der in einer völlig anderen Kultur aufgewachsen und ausgebildet ist als der Autor. Bei meiner Übertragung von Hölderlins Lyrik gehe ich immer den "mittleren" Weg zwischen wortwörtlicher Nachahmung und freier Übersetzung. Der Kunstcharakter des Originals (seine Bilder, sein Inhalt und seine Gestalt) soll bei meiner Übersetzung erhalten bleiben und zugleich soll seine Fremdheit zumindest durchschimmern. Gleichwohl scheint mir eine allzu wörtliche Übersetzung vor allem bei den späten Hymnen wegen der Besonderheiten der Syntax weder möglich noch wünschenswert. Bei der Frage wieviel "Fremdheit" dem chinesischen Leser zugemutet werden kann, muss berücksichtigt werden, dass der Leser der literarisch Interessierte sein soll, der jedoch keine spezielle philologische Bildung besitzt. So muss ich als Übersetzer zugleich Vermittler und Interpret sein und habe als Verständnishilfe eine Reihe von Anmerkungen mit landeskundlichen Informationen und mit Hinweisen zur mythischen, christlichen, philosophischen Vorstellungswelt des Dichters beigegeben.
Gu schreibt über Friedrich Hölderlin : Seine geringe Beachtung in China ist kein zufälliges Phänomen. Die Schwierigkeiten beruhen auf der schwierigen Editionslage seiner Werke. Die Erstellung einer zuverlässigen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe dauerte bis 1985. Es war schwierig, die Handschriften und Drucke zusammenzutragen und zu sichten, die immer wieder korrigierten Handschriften waren schwer zu entziffern. In den 1950er und 1960er Jahren hatten die chinesischen Forscher und Lektoren keinen Zugang zum Quellenstudium in Deutschland. Deshalb konnten sie die Neuentdeckung und Neubewertung der Dichtung von Hölderlin nicht verfolgen.
Hölderlin zeichnet sich vornehmlich als Dichter der Antike, Dichter der Götter, Dichter der Natur, Dichter der Heimat und des Vaterlands aus. Seine Liebesgedichte sind – im Vergleich zu seinen "Vaterländischen Gesängen" – zwar nicht von derselben Wichtigkeit, dennoch von erstrangiger Bedeutung.
Repräsentativ für seine Liebeslyrik sind die Diotima-Gedichte, die er seiner Geliebten Susette Gontard gewidmet hat. Diese Lyrik besitzt seine Eigenart und bildet zusammen mit dem Roman Hyperion einen zentralen Bestandteil seines gesamten Werkes. Im 1. Stadium Frankfurt a.M. werden mit der Begegnung der Liebenden Glück und Macht der Liebe gefeiert. Deshalb dominieren hymnischer Ton, fröhliche Stimmung und heller Rhythmus. Im 2. Stadium Homburg, Stuttgart, Tübingen sind die Leitmotive Trauer um Abschied, Trennung und Liebesschmerz. Nachdem die Diotimakrise überwunden ist, schreibt er mit Gelassenheit auch Liebesgedichte, die jeweils nicht so sehr Zeit-, Orts- oder Personengebunden sind. Sie haben einen allgemeingültigen lebensphilosophischen Charakter. "Liebe" bei Hölderlin ist ein zentraler Faktor seiner Weltauffassung und Zukunftsvision.
Der chinesische Leser kann durch seine Lyrik erfahren, dass auch die deutschen Frauen jahrhundertelang unter den geistigen Fesseln der Liebe und Ehe wie in China gelitten haben.
Meiner Auffassung nach ist die Heimat Hölderlins, die Neckar-Gegend, Schwaben, die Rhein-Main-Gegend, sowie Deutschland und Europa, das Zentralthema, das ihn am meisten bewegt und den Höhepunkt seiner Lyrik bildet. Seine Heimatdichtung kann nicht nur deutsche, sondern auch chinesische Leser begeistern, denn die Heimat-Auffassung der Chinesen stimmt mit der Auffassung Hölderlins überein. Sie kann auch in China einen breiten Verständnis- bzw. Erfahrungshorizont eröffnen. So steht seine Dichtung aus diesem Themenkreis in der Rezeption in China im Vordergrund.
Ein chinesischer Übersetzer deutschsprachiger Lyrik hält sich kaum am originalen Versmass fest. Dies ergäbe eine mechanische, äusserliche Annäherung, aber keineswegs eine exakte Wiedergabe, so bleibt durch die Übertragung nur noch die äussere Kontur der dichterischen Form erkennbar. Die Versgestaltung, die innere rhythmische Struktur des Originals sind kaum beizubehalten. Wichtig für den Leser ist, dass das poetische Bild nicht entstellt, dessen Geist und poetische Stimmung nicht verfälscht und möglichst originalgetreu vermittelt wird. Der Übersetzer, der Kulturvermittlung als seine Aufgabe betrachtet, sollte ein tieferes Verständnis des Gedichtes erlangen als ein chinesischer Leser, der in einer völlig anderen Kultur aufgewachsen und ausgebildet ist als der Autor. Bei meiner Übertragung von Hölderlins Lyrik gehe ich immer den "mittleren" Weg zwischen wortwörtlicher Nachahmung und freier Übersetzung. Der Kunstcharakter des Originals (seine Bilder, sein Inhalt und seine Gestalt) soll bei meiner Übersetzung erhalten bleiben und zugleich soll seine Fremdheit zumindest durchschimmern. Gleichwohl scheint mir eine allzu wörtliche Übersetzung vor allem bei den späten Hymnen wegen der Besonderheiten der Syntax weder möglich noch wünschenswert. Bei der Frage wieviel "Fremdheit" dem chinesischen Leser zugemutet werden kann, muss berücksichtigt werden, dass der Leser der literarisch Interessierte sein soll, der jedoch keine spezielle philologische Bildung besitzt. So muss ich als Übersetzer zugleich Vermittler und Interpret sein und habe als Verständnishilfe eine Reihe von Anmerkungen mit landeskundlichen Informationen und mit Hinweisen zur mythischen, christlichen, philosophischen Vorstellungswelt des Dichters beigegeben.
Erwähnte Personen (1)
Themengebiete (1)
- Literatur › Westen › Deutschland