1925

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1925

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1925 Brecht, Bertolt. Die höflichen Chinesen. In : Berliner Börsen-Courier (1925) / Brecht, Bertolt. Werke ; Bd. 19. Prosa ; 4 (1925).Quelle : Wilhelm, Richard. Laotse. Tao te king [ID D4445].Brecht schreibt : Weniger bekannt in unserer Zeit ist es, wie sehr ein der Allgemeinheit geleisteter Dienst der Entschuldigung bedarf. So ehrten die höflichen Chinesen ihren grossen Weisen Laotse [Laozi], mehr als meines Wissens irgend ein andres Volk seinen Lehrer, durch die Erfindung folgender Geschichte."Laotse hatte von Jugend auf die Chinesen in der Kunst zu leben unterrichtet und verliess als Greis das Land, weil die immer stĂ€rker werdende Unvernunft der Leute dem Weisen das Leben erschwerte. Vor die Wahl gestellt, die Unvernunft der Leute zu ertragen oder etwas dagegen zu tun, verliess er das Land. Da trat ihm an der Grenze des Landes ein ZollwĂ€chter entgegen und bat ihn, seine Lehren fĂŒr ihn, den ZollwĂ€chter, aufzuschreiben, und Laotse, aus Furcht, unhöflich zu erscheinen, willfahrte ihm. Er schrieb die Erfahrungen seines Lebnes in einem dĂŒnnen Buche fĂŒr den höflichen ZollwĂ€chter auf und verliess erst, als es geschrieben war, das Land seiner Geburt".Mit dieser Geschichte entschuldigen die Chinesen das Zustandekommen des Buches Taoteking [Dao de jing], nach dessen Lehren sie bis heute leben.Yim Han-soon : Brecht greift das Klischee – die Chinesen sind höflich – auf, um es jedoch zu konkretisieren. Eine Spannung zwischen Parodie und Anerkennung ist spĂŒrbar, ĂŒberwiegend ist aber die letztere
 Was er in seiner Laotse-Geschichte von der Überlieferung ĂŒbernimmt, ist ein legendĂ€res, aber noch möglich erscheinendes zwischenmenschliches Verhalten von Geben und Nehmen... Es scheint jedoch feststellbar, das Brecht in der Beziehung zwischen dem alten Weisen und dem ZollwĂ€chter eine Alternative zur „trostlosen“, „unendlichen Vereinzelung des Menschen“ in der bĂŒrgerlichen Welt erblickt
 In dem Laotse-Motiv sind folgende Momente angezeigt, die fĂŒr Brechts VerhĂ€ltnis zur chinesischen

1925 Brecht, Bertolt. Die höflichen Chinesen. In : Berliner Börsen-Courier (1925) / Brecht, Bertolt. Werke ; Bd. 19. Prosa ; 4 (1925).
Quelle : Wilhelm, Richard. Laotse. Tao te king [ID D4445].

Brecht schreibt : Weniger bekannt in unserer Zeit ist es, wie sehr ein der Allgemeinheit geleisteter Dienst der Entschuldigung bedarf. So ehrten die höflichen Chinesen ihren grossen Weisen Laotse [Laozi], mehr als meines Wissens irgend ein andres Volk seinen Lehrer, durch die Erfindung folgender Geschichte.
"Laotse hatte von Jugend auf die Chinesen in der Kunst zu leben unterrichtet und verliess als Greis das Land, weil die immer stĂ€rker werdende Unvernunft der Leute dem Weisen das Leben erschwerte. Vor die Wahl gestellt, die Unvernunft der Leute zu ertragen oder etwas dagegen zu tun, verliess er das Land. Da trat ihm an der Grenze des Landes ein ZollwĂ€chter entgegen und bat ihn, seine Lehren fĂŒr ihn, den ZollwĂ€chter, aufzuschreiben, und Laotse, aus Furcht, unhöflich zu erscheinen, willfahrte ihm. Er schrieb die Erfahrungen seines Lebnes in einem dĂŒnnen Buche fĂŒr den höflichen ZollwĂ€chter auf und verliess erst, als es geschrieben war, das Land seiner Geburt".
Mit dieser Geschichte entschuldigen die Chinesen das Zustandekommen des Buches Taoteking [Dao de jing], nach dessen Lehren sie bis heute leben.

Yim Han-soon : Brecht greift das Klischee – die Chinesen sind höflich – auf, um es jedoch zu konkretisieren. Eine Spannung zwischen Parodie und Anerkennung ist spĂŒrbar, ĂŒberwiegend ist aber die letztere
 Was er in seiner Laotse-Geschichte von der Überlieferung ĂŒbernimmt, ist ein legendĂ€res, aber noch möglich erscheinendes zwischenmenschliches Verhalten von Geben und Nehmen... Es scheint jedoch feststellbar, das Brecht in der Beziehung zwischen dem alten Weisen und dem ZollwĂ€chter eine Alternative zur „trostlosen“, „unendlichen Vereinzelung des Menschen“ in der bĂŒrgerlichen Welt erblickt
 In dem Laotse-Motiv sind folgende Momente angezeigt, die fĂŒr Brechts VerhĂ€ltnis zur chinesischen Philosophie allgemein bestimmend und zugleich fĂŒr sein Denken und Werk relevant sind : Die Auffassung der Philosophie als einer antimetaphysischen Verhaltenslehre ; die chinesische Philosophie als Ausgangs- bzw. Bezugspunkt fĂŒr die Kritik am klassischen Philosophiebegriff ; die Beziehung zwischen Laotse und dem ZollwĂ€chter als Sinnbild fĂŒr ein produktives Lehrer-SchĂŒler-VerhĂ€ltnis, das auch in Brechts Traditionsbegriff reflektiert ist ; der historische Hintergrund des alten China als ein Gesellschaftszustand, in dem die Menschen unterdrĂŒckt und vertrieben wurden ; inhaltliche und funktionale Gehalte der chinesischen Philosophie als Stoff und Material
 Die eigentliche Bedeutung der chinesischen Philosophie hat Brecht in der Laotse-Geschichte ausdrĂŒcklich formuliert : Es handelt sich um eine „Kunst zu leben“, eine Lehre des Verhaltens, die in den Alltag des Niederen Volkes einzugreifen vermag.

Der chinesische Traditionalismus spielt in Brechts Beziehung zu China eine grosse Rolle. Er spricht nicht nur von der Lehre des Weisen – der Kunst zu leben – sondern auch von der Dauerhaftigkeit und FortfĂŒhrbarkeit der Lehre : Die Chinesen leben bis heute danach. Die alte Lehre bleibt lebendig, weil sie eine Lebenskunst und eine Lehre der gegenseitigen Anerkennung und Bereicherung ist. Der zweite Themenkomplex in Brechts Denken und Werk ist das Lehrer-SchĂŒler-VerhĂ€ltnis.
Brechts VerhĂ€ltnis zur chinesischen Philosophie kennzeichnet sich durch die Auffassung der Philosophie als Verhaltenslehre und als Ausgangs- und Bezugspunkt fĂŒr die Kritik an der klassischen Philosophie.
In dieser Ballade hat Brecht das schiefe VerhĂ€ltnis von ErzĂ€hler und ErzĂ€hltem zugunsten des letzteren ausgeglichen, indem er vor allem die konkrete Lehre von Laozi an einem Wasserbild vorfĂŒhrt, und zwar gerade in der gewichtigen 5. Strophe. Der Spruch von Laozi selbst, dass das weiche Wasser das harte ĂŒberwinde, hat in Brechts Version zwei Konditionalen erhalten, die im Original fehlen : 'Mit Bewegung' und 'mit der Zeit'.

ErwÀhnte Personen (1)

Themengebiete (2)

  • Literatur â€ș Westen â€ș Deutschland
  • Philosophie â€ș China â€ș Taoismus

Dokumente (4)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1984 Yim, Han-soon. Bertolt Brecht und sein VerhĂ€ltnis zur chinesischen Philosophie. (Bonn : Institut fĂŒr Koreanische Kultur, 1984). (Schriftenreihe ; Bd. 1). S. S. 28-29, 31-32, 37, 49 Publication / Yim1
1993
Han, Ruixin. Die China-Rezeption bei expressionistischen Autoren. (Frankfurt a.M. : P. Lang, 1993). (EuropÀische Hochschulschriften ; Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur ; Bd. 1421). Diss. Univ.

Han, Ruixin. Die China-Rezeption bei expressionistischen Autoren. (Frankfurt a.M. : P. Lang, 1993). (EuropĂ€ische Hochschulschriften ; Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur ; Bd. 1421). Diss. Univ. MĂŒnchen, 1993.
Publication / HanR1
2003- Karlsruher Virtueller Katalog : ubka.uni-karlsruhe.de. Web / KVK
2007 Yim, Han-soon. Das Wasserbild des Taoteking bei Brecht : zur Entwicklung eines Lehrmodells in Korea : brecht.german.or.kr. Web / Bre32