Leutenegger, Gertrud

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(Schwyz 1948-) : Schweizerische Schriftstellerin

Themengebiete (2)

  • Literatur â€ș Westen â€ș Schweiz
  • Namen-Index â€ș Westen

Chronologische EintrÀge (1)

Jahr Text VerknĂŒpfte Daten
1985
Leutenegger, Gerturd. Kontinent [ID D15089].Qixuan Heuser : China spielt im Roman, der sich in einem schweizerischen Dorf abspielt, eigentlich keine Rolle, sondern ist als Gedankenwelt der

Leutenegger, Gerturd. Kontinent [ID D15089].
Qixuan Heuser : China spielt im Roman, der sich in einem schweizerischen Dorf abspielt, eigentlich keine Rolle, sondern ist als Gedankenwelt der Ich-ErzĂ€hlerin dargestellt. Das Geschehen im Dorf, das sich um zwei von Anfgang bis Ende abwesende Figuren kreist, eine Verstorbene und eine Verreiste, wird zwar ausfĂŒhrlich geschildert, aber ohne grosse Teilnahme der neu ins Dorf gezogene Ich-ErzĂ€hlerin. Hingegen kann sie sich innerlich schwer von den Erinnerungen an ihre Chinareise lösen und macht immer wieder einen Gedankensprung nach China. Zwischen der schweizerischen Aussenwelt und ihren chinesischen Erlebnissen besteht jedoch keine inhaltliche Verbindung, sie werden nur durch erzĂ€hltechnische AnknĂŒpfungspunkte formal miteinander verkettet. Anstelle von China steht "Kontinent", statt Beijing steht "Westberge" oder "Hauptstadt".
Die Menschen in China spielen eine wichtige Rolle im China-Bild bei Leutenegger. Menschen in verschiedenen TÀtigkeiten, in grosser Menge und einzeln werden beschrieben und die Menschenmasse und der Unterschied zwischen der chinesischen Land- und Stadtbevölkerung werden in verschiedenen Variationen dargestellt.
Im Zentrum steht ein chinesischer Mann, der ReisefĂŒhrer in Beijing. Dieser Mann ist fĂŒr die Ich-ErzĂ€hlerin der einzige Bote des fremden Kontinents und gleichzeitig auch ihr Geliebter. Mit ihm scheint es ihr zu gelingen, die Unendlichkeit und AnonymitĂ€t des Koninents durch die konkreten Erlebnisse gewinnbringend zu ĂŒberwinden, indem sie ihm, beflĂŒgelt durch die Liebe, Schritt fĂŒr Schritt in die andere Kultur folgt.
Rebellisch ist der Mann, weil er etwas tut, was ein normaler Chinese nicht tun wĂŒrde – eine amouröse Beziehung mit einer auslĂ€ndischen Frau einzugehen. Diese Verbundenheit heisst mehr oder weniger Verrat am Eigenen und Bruch mit dem Vertrauten, egal of sie einen politischen Hintergrund hat oder nicht. Sie ist auch ein Zeichen fĂŒr die Suche nach etwas mehr Freiheit. Das Rebellische drĂŒckt sich auch in seiner Schweigsamkeit aus, die sich aber auch als seine Sprache versteht. Was stĂ€ndig im Hintergrund zu verstehen gegeben wird, ist die chinesische Missbilligung dieser Liebesbeziehung.
Der Abschied vom chinesischen Mann ist der Höhepunkt der Ich-ErzÀhlerin in China. Die beiden Liebenden verbringen die Abschiedszeit zusammen, indem sie ziellos mit der U-Bahn fahren. Und ausgerechnet unter unzÀhligen FahrgÀsten erleben sie zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal ihre körperliche NÀhe, die durch das GedrÀnge gerechtfertigt wird.
Die Ich-ErzĂ€hlering hat einen persönlichen Blickwinkel gewĂ€hlte, um China darzustellen. Als die Geliebte des Reiseleiters, macht sie ihre China-Rezeption von ihrer Liebesbeziehung abhĂ€ngig. In der Hauptstadt, neben dem chinesischen Mann, nimm sie "mit ĂŒbersteigerter Aufmerksamkeit" alles um sich wahr. Im SĂŒden, ohne ihn, hat sie dieses Interesse verloren.

Gao Yunfei : Die Ich-ErzĂ€hlerin kommt in ein Dorf in einem abgelegenen Alpental in der Schweiz um GerĂ€usche aus der Natur fĂŒr eine JubilĂ€umsschallplatte einer Aluminiumfabrik aufzunehmen. Dabei wird sie stĂ€ndig von ihrem unerfĂŒllten China-Traum heimgesucht. Erinnerungen an eine China-Reise drĂ€ngen sich immer wieder in ihre gegenwĂ€rtigen Beobachtungen und Reflexionen. Nicht selten ignoriert oder verwechselt sie die Leute um sich herum mit ihrem chinesischen Freund, den sie mit Du anredet. Oft muss man sie aus ihrem China-Traum in die Wirklichkeit zurĂŒck holen. Die Bilder des China-Erlebnisses drĂ€ngen im Lauf der ErzĂ€hlung unabhĂ€ngig von ihrem Bewusstsein an die OberflĂ€che, die einzelnen Bilder sind nicht rational geordnet und werden nicht chronologisch erzĂ€hlt. Zuletzt erinnert sich die ErzĂ€hlerin, wie sie anderswo in China an ihre Hauptstadt Peking und ihren chinesischen Freund gedacht hat und von der Sehnsucht nach ihm heimgesucht worden ist. Ihr Aufenthalt in China, ihre Begegnung mit der chinesischen Wirklichkeit sollten ihr die Chance geben, sowohl China als auch das eigene ich kennenzulernen. Dieses Zu-Sich-Kommen in der Begegnung mit der Freumde wird auch am eigenen Erlebnis in der Peking-Oper veranschaulicht. China ist ein Spiegel, in dem sie ihr eigenes Bild betrachten kann. Sie kann gut beobachten, weil sie aufgeschlossen ist und immer ein scharfes Auge fĂŒr das Eigene und das Fremde hat. Ihre Beobachtungen sind vor allem auf die Massenszenen gerichtet, wo ihr mehr Leben, mehr menschliches GefĂŒhl zu sein scheint. Sie beobachtet den chinesischen Alltag und ihre Beschreibungen sind eigentlich sterotyp : FarrĂ€der, Kutscher, VogelkĂ€fige, Reisfelder, Peking-Oper, Schattenboxen.
Die Vertrautheit mit der fremden Welt verdichtet sich vor allem in der Person ihres chinesischen Freundes. Erst durch ihn wird sie mit dem neuen Kontinent vertraut. Sie achtet trotz der NĂ€he und Vertrautheit mit ihrem Freund noch mehr auf das Fremde zwischen ihnen und nutzt jede Gelegenheit, um die Beziehung zwischen ihr und ihm vernĂŒnftig wahrzunehmen. Schliesslich wird sie von ihm getrennt und nach SĂŒden geschickt : "Es ist doch nur Angst, jede Stunde wachsende Angst, Gefahr zu bringen, todbringende Gefahr, auch wenn du nicht mehr bei mir bist". Dies spricht dafĂŒr, dass Anfang der 1980er Jahre eine Liebesbeziehung zwischen einem Chinesen und einer AuslĂ€nderin noch unmöglich war.
Leuteneggers „Kontinent“ ist keine Reiseliteratur, man liest nicht nur die Beschreibung der China-Reise, sondern vor allem die Nachwirkungen einer solchen auf die Reisende. Es geht um die Selbsterfahrungen der ErzĂ€hlerin in der Fremde, dabei ist es gleichgĂŒltig, ob sie sich in der Schweiz oder in China befindet. So glaubt sie in China ein neues Leben gefunden zu haben, aber ihre chinesische Liebesgeschichte bleibt ein unerfĂŒllter Traum, der belastend auf sie wirkt.

Adrian Hsia : Leutenegger verarbeitet ihr China-Erlebnis in diesem Roman. Offensichtlich hat sie dieses Erlebnis verinnerlicht, ohne sich damit rational auseinandergesetzt zu haben. Denn die Bilder ihres China-Erlebnisses sind vom Bewusstsein unabhĂ€ngig, drĂ€ngen im Laufe der ErzĂ€hlung selbstĂ€ndig auf die OberflĂ€che und vermischen sich mit anderen Bewusstseinsschichten. An sich scheint das China-Erlebnis wie das jedes Chinafahrers : Besichtigungen, Banquets, Kulturveranstaltungen usw. Aber ihre Erlebnisse haben sich in einer Person verdichtet. Diese Person, ein Mann, ist ihr China. Er tröstet sie, wenn die Depression sie heimsucht, er hört ihre Probleme und Eigenanalyse an, er ist ihre persönliche BrĂŒcke zu dem Koninent China, von dem sie angesteckt, verseucht, entzĂŒndet ist. Sie verlangt nach diesem unermesslichen Land, sie verlangt nach seiner Person, wie sie nach der Sintflut verlangt
 China wird zum Urerlebnis und zu einem Archetypus des Unterbewusstseins.

Bibliografie (1)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1985 Leutenegger, Gertrud. Kontinent. (Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1985). Publication / Leut1

SekundÀrliteratur (1)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1997
Gao, Yunfei. China und Europa im deutschen Roman der 80er Jahre : das Fremde, das Eigene in der Interaktion : ĂŒber den literarischen Begriff des Fremden am Beispiel des Chinabildes von Adolf Muschg,

Gao, Yunfei. China und Europa im deutschen Roman der 80er Jahre : das Fremde, das Eigene in der Interaktion : ĂŒber den literarischen Begriff des Fremden am Beispiel des Chinabildes von Adolf Muschg, Michael KrĂŒger, Gertrud Leutenegger und Hermann Kinder. (Frankfurt a.M. : P. Lang, 1997). (EuropĂ€ische Hochschulschriften. Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur ; Bd. 1593).
Publication / Gao1