1779-1785

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1779-1785

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Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Theorie der Gartenkunst [ID D26947].Er schreibt : Die Chinesischen GĂ€rten sind unstreitig diejenigen in einem andern Welttheil, welche in den neueren Zeiten bey uns das meiste Aufsehen gemacht haben. Sie sind schon beschrieben und zu bekannt, als dass hier noch eine Schilderung derselben wiederholt werden dĂŒrfte. Wenn man sich gleich verwundern muss, wie ein Volk, das sonst fast nichts von den schönen KĂŒnsten kennt, und in Ansehung seines Geschmacks so weit zurĂŒcksteht, auf eine so gute Anlage der GĂ€rten komment können ; so scheint der Bericht des Chambers (Von seiner Dissertation on oriental Gardening ist im vorigen Jahre eine deutsche Übersetzung zu Gotha herausgekommen), der selbst in China mit seinen Augen gesehen, die Sache fast ausser Zweifel zu setzen. Indessen da dieser Bericht in vielen Stellen die sinnreichsten GemĂ€lde der Phantasie und die wunderbarsten Feenbezauberungen enthĂ€lt, so möchte vielleicht nur einem Theil davon historische Wahrheit zukommen. Ja ich möchte fast vermuthen, dass Chambers, wenn er sich nicht durch die ErzĂ€hlungen spĂ€terer Reisender hat hintergehen lassen, das, was er selbst gesehen, nur zum Grunde gelegt, um darauf ein Ideal nach seiner eigenen Einbildungskraft aufzufĂŒhren, und dabey seinen Landsleuten, die noch zu sehr dem alten Geschmack anhiengen, seinen Wink auf eine neue Bahn zu geben. Übrigens muss man gestehen, der Chinese folgte allein der Natur ; und man weis, dass die Schritte gemeiniglich da am sichersten sind, wo man von keinen falschen Wegweisern von dem Pfade der Natur abgeleitet wird. Wenn es wahr ist, dass die EnglĂ€nder durch die chinesischen GĂ€rten auf die Ă€chte Spur des NatĂŒrlichen in Anlegung ihrer Parks geleitet sind ; so ist es auch nicht zu leugnen, dass sie schon vorher, manche richtige AufklĂ€rungen ĂŒber diesen Gegenstand von ihren eigenen Schriftstellern erhalten hatten. Es ist dabey offenbar, dass nicht allein in den chinesischen GĂ€rten, selbst nach den

Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Theorie der Gartenkunst [ID D26947].
Er schreibt : Die Chinesischen GĂ€rten sind unstreitig diejenigen in einem andern Welttheil, welche in den neueren Zeiten bey uns das meiste Aufsehen gemacht haben. Sie sind schon beschrieben und zu bekannt, als dass hier noch eine Schilderung derselben wiederholt werden dĂŒrfte. Wenn man sich gleich verwundern muss, wie ein Volk, das sonst fast nichts von den schönen KĂŒnsten kennt, und in Ansehung seines Geschmacks so weit zurĂŒcksteht, auf eine so gute Anlage der GĂ€rten komment können ; so scheint der Bericht des Chambers (Von seiner Dissertation on oriental Gardening ist im vorigen Jahre eine deutsche Übersetzung zu Gotha herausgekommen), der selbst in China mit seinen Augen gesehen, die Sache fast ausser Zweifel zu setzen. Indessen da dieser Bericht in vielen Stellen die sinnreichsten GemĂ€lde der Phantasie und die wunderbarsten Feenbezauberungen enthĂ€lt, so möchte vielleicht nur einem Theil davon historische Wahrheit zukommen. Ja ich möchte fast vermuthen, dass Chambers, wenn er sich nicht durch die ErzĂ€hlungen spĂ€terer Reisender hat hintergehen lassen, das, was er selbst gesehen, nur zum Grunde gelegt, um darauf ein Ideal nach seiner eigenen Einbildungskraft aufzufĂŒhren, und dabey seinen Landsleuten, die noch zu sehr dem alten Geschmack anhiengen, seinen Wink auf eine neue Bahn zu geben. Übrigens muss man gestehen, der Chinese folgte allein der Natur ; und man weis, dass die Schritte gemeiniglich da am sichersten sind, wo man von keinen falschen Wegweisern von dem Pfade der Natur abgeleitet wird. Wenn es wahr ist, dass die EnglĂ€nder durch die chinesischen GĂ€rten auf die Ă€chte Spur des NatĂŒrlichen in Anlegung ihrer Parks geleitet sind ; so ist es auch nicht zu leugnen, dass sie schon vorher, manche richtige AufklĂ€rungen ĂŒber diesen Gegenstand von ihren eigenen Schriftstellern erhalten hatten. Es ist dabey offenbar, dass nicht allein in den chinesischen GĂ€rten, selbst nach den schmeichelhaftesten Beschreibungen, viel Übertriebenes, SpitzfĂŒndiges und Abgeschmacktes herrscht, worĂŒber sich wohl eben kein Kenner der Nation verwundern wird, sondern dass auch verschiedene neuere Schriftsteller diese GĂ€rten mit einem ungebrĂ€nzten und gar zu partheyischen Lobe erheben. Selbst die kopirten Beschreibungen enthalten manche WidersprĂŒche und sind mit ZusĂ€tzen ĂŒberladen, die ihnen eine gĂŒnstige Phantasie geschenkt hatte, die ihnen die Wahrheit aber mit einer gerechten Hand wieder entreisst. War es denn nicht genug zu sagen, dass manches NatĂŒrliche in den chinesischen Anlagen Nachahmung oder Aufmerksamkeit verdiene ?...
Weil man oft der ersten Art des Kontrastes gar zu anhĂ€ngig war, so sind dadurch die sonderbarsten Übertreibungen entstanden. Man wollte gewisse romantische Scenen der Natur nachahmen, die sie mir hie und da als Spiele ihrer Laune zu bilden pflegt, und man verfiel in das Abgeschmackte ; zumal da man anfieng, aus dem, was bey der Natur nur seltene Erscheinung ist, ein eigenes Hauptwerk zu machen. Dieser Tadel trift nicht unsere gewöhnlichen GĂ€rten, die noch weit davon entfernt sind, sondern einige Parks der EnglĂ€nder und der Chineser, am meisten aber der letztern. Dass diese die Gegeneinandersetzung noch der ZĂŒgellosigkeit des orientalischen Geschmacks ĂŒbertreiben, darĂŒber darf man sich nicht wundern ; aber wohl darĂŒber, dass Chambers diese Ausschweifung billigt.
Den angenehmen Scenen, sagt er, setzen die Chineser die fĂŒrchterlichen entgegen ; diese sind eine Zusammensetzung dĂŒsterer Gehölze, tiefer der Sonne unzugĂ€ngliche ThĂ€ler, ĂŒberhangenden unfruchtbarer Felsen, dunkler Hölen und ungestĂŒmer WasserfĂ€lle, die sich von allen Seiten von den Bergen herabstĂŒrzen. Die BĂ€ume sind ĂŒbel gestaltet, aus ihrem natĂŒrlichen Wachsthum herausgezwungen und dem Anschein nach von der Gewalt der Gewitter zerrissen. Einige sind ausgerissen und hemmen den Lauf der Ströme ; andere sind wie vom Blitz verbrannt und zerschmettert. Die GebĂ€ude sind Ruinen, oder halb vom Feuer verzehrt, oder durch die Wuth der GewĂ€sser weggespĂŒlt. So weit möchte alles dieses noch leidlich seyn, und so weit hat man auch zum Theil in einigen brittischen Parks die Nachahmung schon getrieben. Aber nun ! FledermĂ€use, Eulen, Geyer und alle Raubvögel flattern in den Gehölzen umher ; Wölfe und Tyger heulen in den WĂ€ldern ; halb verhungerte Thiere schleichen ĂŒber die Haiden ; Galgen, Kreuze, RĂ€der und alle Torturwerkzeuge kann man von den Landstrassen her sehen. In dem schrecklichen Innern der WĂ€lder, wo die Wege uneben und mit Unkraut bewachsen sind, stehen dem Gott der Rache geweihete Tempel. Neben allen diesen sieht man steinerne Pfeiler mit Beschreibungen tragischer Begebenheiten und allerhand schreckliche Handlungen der Grausamkeit. Dazu kommen abgelegene Örter, die mit kolossalischen Figuren von Drachen, höllischen Furien, und andern grĂ€sslichen Gestalten angefĂŒllet sind. Was Chambers mehr davon erzĂ€hlt, zeugt, wie dieses, von einer Ausschweifung, die vielleicht nirgends weiter getrieben ist. Das Seltsame ist, dass diese Scenen des Schreckens deswegen angelegt werden, um die Wirkungen der angenehmen Auftritte durch den Kontrast zu heben

Bey allen GartengebĂ€uden muss Pomp und Überfluss an Zierrathen sorgfĂ€ltig entfernt seyn, und eine leichte, freye und anmuthige Architektur herrschen. Man hĂŒte sich, dass man nicht verfĂŒhrt durch das Beyspiel des EnglĂ€nders, in dessen Parks sich zuweilen in Einem Prospect ein Wohnhaus von edler Architectur, ein Obelisk, ein gothischer Thurm, ein römisches Monument und ein chinesischer Tempel vereinigen, auf eine seltsame Vermischung verschiedener fremder Bauarten verfalle ; eine Ausschweifung, die selbst der scharfsinnige Whately ausdrĂŒcklich in einem Garten verstattet wissen will, und die gleichwohl so auffallend ist, dass sie nicht einmal Nachsicht finden sollte. [Whately, Thomas. Betrachtungen ĂŒber das heutige Gartenwesen. (Leipzig : Junius, 1771)].

SekundÀrliteratur
Jörg Deuter : Hirschfeld war der erste, der William Chambers' Chinaverehrung in Beziehung zur tatsĂ€chlichen chinesischen Gartenkunst setzte und sie als das erkannte, was sie war, eine Maske, historisch nicht ernst zu nehmen, unter der dieser verborgen fĂŒr einen weiteren anglo-chinoisen Gartenstil kĂ€mpfte, der wenig mit der historisch-exakten Nachahmung konkreter Vorbilder zu tun hat. Indem er aus Chambers' Theorie der Gartenkunst seitenlang zitierte, wurde Hirschfeld aber nicht nur sein scharfsinnigster Kritiker, sondern auch sein (zumindest im deutschen Sprachraum) wirkungsvollster Propagandist.

ErwÀhnte Personen (2)

Themengebiete (3)

  • Kunst â€ș Architektur und Gartenarchitektur
  • Literatur â€ș Westen â€ș Deutschland
  • Literatur â€ș Westen â€ș England

Dokumente (2)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1779-1785 Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Theorie der Gartenkunst. (Leipzig : Bey M.G. Weidmanns Erben und Reich, 1779-1785). [EnthĂ€lt Eintragungen ĂŒber China und William Chambers].
bsb-muenchen-digital.de.
Publication / Cham12
1997
Sir William Chambers und der Englisch-chinesische Garten in Europa. Hrsg. von Thomas Weiss. (Ostfildern-Ruit bei Stuttgart : G. Hatje, 1997). (Kataloge und Schriften der Staatlichen Schlösser und

Sir William Chambers und der Englisch-chinesische Garten in Europa. Hrsg. von Thomas Weiss. (Ostfildern-Ruit bei Stuttgart : G. Hatje, 1997). (Kataloge und Schriften der Staatlichen Schlösser und GÀrten Wörlitz, Oranienbaum, Luisium ; Bd. 2). [Internationales Symposium Oranienbaum, 5.-7. Okt. 1995].
S. S. 108-109
Publication / Cham8