Jahr
1776
Text
Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Widerlegung des herrschenden Begriffs von den chinesischen GĂ€rten [ID D26952].Quellen :Chambers, William.Du Halde, Jean-Baptiste. Description [ID D1819].Le Comte, Louis. Nouveaux mĂ©moires sur l'Ă©tat prĂ©sent de la Chine... [ID D1771].Pauw, Cornelius de. Recherches philosophiques sur les Egyptiens et les Chinois [ID D1861].Er schreibt : Die chinesischen GĂ€rten oder das, was man unter diesem Namen reizend genug geschildert hat, ist nicht bloss ein Gegenstand der Bewunderung, sondern auch der Nachahmung geworden. Wenn auch gleich schon Nachdenken und Genie, ohne UnterstĂŒtzung eines besondern Beispiels, auf die Erfindung der neuen Manier leiten konnten, die man in England aufgenommen und die sich von da weiter zu verbreiten angefangen hat ; so ist es doch wahrscheinlich, dass die Nachrichten von den GĂ€rten in China viel dazu beygetragen haben. Wenigstens ist gewiss, dass die neue Manier in England sich um eben die Zeit am meisten hob, als sich der Ruhm der orientalischen GĂ€rten ausbreitete. Nicht minder ist gewiss, dass der EnglĂ€nder von einem grossen Vorurtheil fĂŒr die GĂ€rten in China bezaubert ist, und dass der Franzose und mit ihm der Deutsche sich diesem Vorurtheil zu ĂŒberlassen anfĂ€ngt. Man verlangt jetzt nicht etwa GĂ€rten, die mit eigener Ăberlegung, mit besserm Geschmack, als die alten, angelegt wĂ€ren ; man verlangt chinesische, oder chinesisch-englĂ€ndische GĂ€rten.Wie aber, wenn diese Raserei einen unsichern Grund hĂ€tte, wie so manche andere Raserei der Mode ? Wenn die chinesischen GĂ€rten, wovon man so entzĂŒcket ist, die man so hitzig nachzuahmen strebt, nicht vorhanden wĂ€ren, wenigstens nicht so vorhanden wĂ€ren, wie man sich einbildet ? â das wĂ€re doch sonderbar. Freilich wĂ€re es so, und nicht weniger lĂ€cherlich, etwas haben nachahmen wollen, wovon man ĂŒberfĂŒhrt wird, dass es nicht da ist.Als ich zuerst die Beschreibungen der chinesischen GĂ€rten las, ging es mir, wie vermuthlich manchem andern Leser mehr. Ich fand darin wahreâŠ
Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Widerlegung des herrschenden Begriffs von den chinesischen GĂ€rten [ID D26952].
Quellen :
Chambers, William.
Du Halde, Jean-Baptiste. Description [ID D1819].
Le Comte, Louis. Nouveaux mémoires sur l'état présent de la Chine... [ID D1771].
Pauw, Cornelius de. Recherches philosophiques sur les Egyptiens et les Chinois [ID D1861].
Er schreibt :
Die chinesischen GĂ€rten oder das, was man unter diesem Namen reizend genug geschildert hat, ist nicht bloss ein Gegenstand der Bewunderung, sondern auch der Nachahmung geworden. Wenn auch gleich schon Nachdenken und Genie, ohne UnterstĂŒtzung eines besondern Beispiels, auf die Erfindung der neuen Manier leiten konnten, die man in England aufgenommen und die sich von da weiter zu verbreiten angefangen hat ; so ist es doch wahrscheinlich, dass die Nachrichten von den GĂ€rten in China viel dazu beygetragen haben. Wenigstens ist gewiss, dass die neue Manier in England sich um eben die Zeit am meisten hob, als sich der Ruhm der orientalischen GĂ€rten ausbreitete. Nicht minder ist gewiss, dass der EnglĂ€nder von einem grossen Vorurtheil fĂŒr die GĂ€rten in China bezaubert ist, und dass der Franzose und mit ihm der Deutsche sich diesem Vorurtheil zu ĂŒberlassen anfĂ€ngt. Man verlangt jetzt nicht etwa GĂ€rten, die mit eigener Ăberlegung, mit besserm Geschmack, als die alten, angelegt wĂ€ren ; man verlangt chinesische, oder chinesisch-englĂ€ndische GĂ€rten.
Wie aber, wenn diese Raserei einen unsichern Grund hĂ€tte, wie so manche andere Raserei der Mode ? Wenn die chinesischen GĂ€rten, wovon man so entzĂŒcket ist, die man so hitzig nachzuahmen strebt, nicht vorhanden wĂ€ren, wenigstens nicht so vorhanden wĂ€ren, wie man sich einbildet ? â das wĂ€re doch sonderbar. Freilich wĂ€re es so, und nicht weniger lĂ€cherlich, etwas haben nachahmen wollen, wovon man ĂŒberfĂŒhrt wird, dass es nicht da ist.
Als ich zuerst die Beschreibungen der chinesischen GĂ€rten las, ging es mir, wie vermuthlich manchem andern Leser mehr. Ich fand darin wahre und hohe Schönheiten der Natur, nur das davon abgerechnet, was dem morgenlĂ€ndischen Geschmack eigen ist oder zu seinen Ausschweiffungen gehört. Ich ward von so vielen reizenden Scenen entzĂŒckt, und vergass bei dieser Bewegung nachzudenken, ob sich auch alles wĂŒrklich so verhalten mögte. Ein wiederholtes Lesen liess mir mit einer gelassenen Behagung mehr Ruhe, zu ĂŒberlegen. Ich fieng an, gegen die Wirklichkeit solcher GĂ€rten hie und da einen Zweifel zu finden, und konnte mich nicth enthalten, einige davon zu Ă€ussern. Bei einer nĂ€hern Vergleichung verschiedener einsichtsvollen Schriftsteller, die von China handeln, habe ich GrĂŒnde entdeckt, die mich noch mehr an dem Daseyn solcher GĂ€rten zweifeln machen, wie man uns die chinesischen beschreibt. Ich theile sie hier zur weitern Berutheilung mit.
China ist, nach den zuverlĂ€ssigen Zeugnissen der Reisenden, bey weitem nicht so sehr angebauet, als man oft vorgegeben hat. Sogar nahe um Peking gibt es noch einige meilenlange WĂŒsten und MorĂ€ste. Die entlegenen Provinzen liegen fast alle ganz wĂŒste, zum Theil so wĂŒste, dass Tieger und andere wilde Thiere in Menge umherschwĂ€rmen. Der Handel versammelt die Einwohner um die Hauptstadt und schönen FlĂŒsse her, wodurch ein so starker Zusammenfluss von Menschen entsteht, dass die oft einreissende Hungersnoth die schrecklichsten VerwĂŒstungen angerichtet hat. In diesen Gegenden, wo sich die ThĂ€tigkeit der Nation am meisten Ă€ussert, mĂŒsste man die so sehr gerĂŒhmten GĂ€rten suchen, wenn anders die nothwendige Sorge, durch Ackerbau den harten BedĂŒrfnissen abzuhelfen, noch Zeit und Ruhe zur Anlegung lĂ€ndlicher LustplĂ€tze verstattete. Je weiter man in die Provinzen hineinkommt, desto weniger trift man bebauete LĂ€nder an; nicht die HĂ€lfte des Erdreichs ist genutzt ; nur selten erscheint ein Dorf. Auch weiss man, dass die Chineser wenig Liebe zum Landbau besitzen, die ĂŒberdies mit dem heissen Wuchergeist, einer fast allgemeinen Seuche der Nation, nicht vereinbar ist.
Comte, du Halde und andere glaubwĂŒrdige Zeugen rĂŒhmen zwar den Anbau der KĂŒchengewĂ€chse in China, wovon die GĂ€rten nie leer sind, weil sich besonders der gemeine Mann davon ernĂ€hrt. Allein sie bemerken zugleich, dass an der Menge und Manigfaltigkeit der GewĂ€chse und FrĂŒchte mehr der gute Erdboden, als die Geschicklichkeit der Einwohner Antheil hat. Die meisten FrĂŒchte, setzen sie hinzu, kommen den unsrigen nicht gleich, weil die Chineser nicht die Kunst verstehen oder sich nicht die MĂŒhe nehmen, die BaumfrĂŒchte zu verbessern und ihnen einen mehr anziehenden Geschmack zu geben. Alle ihre Sorgfalt von dieser Seite schrĂ€nket sich auf den Kornbau und Reisbau ein. Von der Botanik wissen sie fast nichts.
Es ist ausgemacht, dass keine der schönen KĂŒnste bei den Chinesern zur Volkommenheit emporgestiegen ist. Von der Perspectiv haben sie nicht den geringsten Begrif. In der Malerei klecken sie Landschaften, worin weder Sehepunkt noch Ferne ist. Die dem Gesicht sich entfernende Linien sind ihnen ebenso unbekannt, als der Punkt, worin sie sich vereinigen mĂŒssen, indem sie nicht die geringste Kentnis von den Regeln haben, denen die WĂŒrkungen des Lichts unterworfen sind. Mit den Gegenstellungen oder den grossen Massen von Schatten sind sie, wie man leicht hinzu denken kan, ebenfals ganz unbekant. Sie wissen nichts von der Kunst, die Farben zu brechen und zu versetzen. Sie musten also sehr verlegen sey, wenn sie den Prospect eines Gartens vorstellen solten. Ihre Zeichnung ist, wie man weiss, sehr schlecht. Nicht einmal den Blumen, die doch so hĂ€ufig gemalt werden, verstehen sie die Richtigkeit der Zeichnung zu geben. Ihre wilde Einbildungskraft zieht sie von dem Studium der Natur ab, die eine ruhige und bedĂ€chtige Betrachtung erfordert ; wozu die Chineser so wenig, als andere morgenlĂ€ndische Völker, aufgelegt sind.
Schon aus diesen allgemeinen Bemerkungen wird man eben keine grosse Erwartung schöpfen, dass die schöne Gartenkunst von den Chinesern geliebt und mit GlĂŒck getrieben werde, viel weniger dass sie GĂ€rten von so vorzĂŒglichen Schönheiten besitzen, wie man uns ĂŒberreden will.
China ist kein Reich, das erst seit einigen Jahren von den EuropĂ€ern besucht wurde, oder wohin nur Leute ohne Einsicht, ohne Beobachtungsfeist, ohne Geschmack gekommen wĂ€ren. Woher komt es, das so viele Reisebeschreiber, so vieles und seit einer so langen Zeit, von China berichten, ohne der so herlichen GĂ€rten der Nation zu erwĂ€hnen, und dass man erst in der letzten HĂ€lfte des gegenwĂ€rtigen Jahrhunderts angefangen, sie mit einer Art von Begeisterung zu rĂŒhmen ? Vielleicht waren sie in den Ă€ltern Zeiten noch nicht vorhanden, nicht einmal hie und da in einem vorbereitenden Anfang vorhanden. Allein in diesem Jahrhundert mĂŒsten sie doch da seyn. Es sollen ja GĂ€rten seyn, die bei der Nation gewöhnlich, nicht blos diesem oder jenem Grossen eigen sind, GĂ€rten, welche die Nation ohne BeihĂŒlfe, ohne Beispiel durch ihr eigenes Genie hervorgebracht hat. Es lĂ€sst sich nicht wohl denken, dass solche GĂ€rten so ganz neu seyn oder so verborgen liegen solten, dass sie nur erst vor etwa dreissig Jahren von einem Reisenden hĂ€tten bemerket werden können. Wenigstens schon hie und da haben sie lĂ€ngst vorhanden seyn mĂŒssen. Die chinesische Nation ist unstreitig keine solche, die auf einmal plötzliche FortgĂ€nge in einer Wissenschaft oder Kunst gemacht hĂ€tte ; ihr Genie hat immer nur einen schleichenden Gang genommen, nie einen glĂŒcklichen Spring gewagt ; das Vorurtheil fĂŒr alles, was bei ihr alt geworden, unterstĂŒtzt ihre natĂŒrliche TrĂ€gheit. Die paradiesischen GĂ€rten hĂ€tten also schon lange blĂŒhen mĂŒssen, in einer so auffallenden Schönheit, mit so eigenen hervorstechenden Reitzen, dass jeder fremde Auge sie mit Bewunderung hĂ€tte wahrnehmen mĂŒssen. Und doch ein so tiefes Stillschweigen von so vielen Reisenden, die sie sehen konnten und sehen musten. Vielleicht waren diese Reisende nicht alle Kenner. Der grösste Theil der nach China reisenden Gelehrten bestand aus französischen Jesuiten, die vielleicht entweder keine Einsicht in die Gartenkunst haben oder voll Vorutheil fĂŒr die Manier ihres Vaterlandes seyn konten. Es mag seyn. Aber so hĂ€tten sie doch wenigstens das EigenthĂŒmliche und das Abweichende in dem chinesischen Geschmack bemerken können. Ausserdem waren verschiedene von diesen Missionarien geschickte Architecten und Maler. Die hohen Schönheiten der Natur, welche die chinesischen GĂ€rten darstellen sollen, sind jedem Auge fĂŒhlbar. Und der französische Jesuit hĂ€tte hier immer eine Ausnahme seyn sollen ? Man weiss, wie sorgfĂ€ltig diese Missionarien gewesen, alles MerkwĂŒrdige in China aufzuzeichnen und ihrem Hofe zu berichten ; man weiss, wie beredt sie zum theil erzĂ€hlen, sie gerne sie ausschmĂŒcken. Sie beschreiben sehr ausfĂŒhrlich die Beschaffenheit des Erdreichs, des Ackerbaues, der GartengewĂ€chse und aller FrĂŒchte. Und doch bei den nĂ€chsten Veranlassungen, von den LustgĂ€rten zu reden, schweigen sie entweder ganz, oder geben uns nur einige flĂŒchtige Anzeigen, die nichts weniger, als den stolzen Begrif erregen, den man von den Wundern der chinesischen GĂ€rten hat.
Indessen ist es Chambers, Architect des Königs von England, dem man die verfĂŒhrerische Beschreibung der chinesischen GĂ€rten und die algemeine Verbreitung ihres Ruhms verdankt. Dieser Mann, der Wissenschaft, Geschmack und Genie vereinigt, ragt unter allen Reisebeschreibern von China als der Lobredner der GĂ€rten dieses Reichs hervor. Seine Beschreibung ist als die algemeine Quelle anzusehen, woraus alle ĂŒbrige Schilderungen mit mehr oder weniger AbĂ€nderung und ZusĂ€tzen geschöpft sind. Die erste Nachricht gab der in seinem grössern Werke : Description of Chinese Buildings, etc. London. Fol. 1757 S. 14-19 zwar nur beilĂ€ufig, indem er sich vornehmlich mit den GebĂ€uden, Maschinen und HausgerĂ€then der Chineser beschĂ€ftigt. Man lobte, man bewunderte den Geschmack der Gartenkunst, den Chambers den Chinesern beilegte ; man fing an, diesen Geschmack in England nachzuahmen. Ohne Zweifel war dieser Beifall den seine Beschreibung fand, eine Veranlassung mehr, dass er den ersten kurzen Entwurf in einer besondern Schrift : Dissertation on oriental Gardening. London 4. 1772 (deutsche Ăbersetzung. 8. Gotha 1775) weiter ausfĂŒhrte und darin Genie und Geschmack aufbot, um ein GemĂ€lde zu liefern, das durch Schönheit und Mannigfaltigkeit nicht weniger, als durch Neuheit reitzte.
Man ist sehr geneigt, einen Reisenden, der aus einem entfernten Welttheil komt, wohin ohnedies nur noch wenig EnglĂ€nder gedrungen waren, erzĂ€hlen zu hören ; man hört ihn desto aufmerksamer, je mehr er durch das Neue und Unerwartete sich der Bewunderung zu bemeistern weiss ; man hört ihn mit Zutrauen, wenn er als ein Mann von Verstand, und mit VergnĂŒgen, wenn er als ein Mann von Geschmack erzĂ€hlt. Chambers muste Eingang finden, wenn er gleich weniger die Wahrheit, als das Anziehende seiner ErzĂ€hlung, auf seiner Seite hatte.
Ich kan es mir vorstellen, wie ein Mann von weniger Talenten und Beobachtung, als Chambers, in einigen Gegenden von China verleitet werden kan, da GĂ€rten zu sehen, wo keine sind. Nach dem Bericht des Comte sind einige fruchtbare Provinzen nicht allein mit vortreflichen FrĂŒchten, sondern auch mit anmuthigen HĂŒgeln und CanĂ€len erfĂŒlt. Die HĂŒgel sind in verschiedene AbsĂ€tze und Stuffen vom Fusse bis zum Gipfel bearbeitet, aber blos in der Absicht, damit das Regenwasser sich ĂŒberall vertheilen und das besĂ€ete Erdreich mit seinen Pflanzen nicht so leicht hinabreissen könne. Indessen gibt diese Gestalt, worin die HĂŒgel gebildet werden, zuman wenn mehrere in einem Bezirk umherliegen, einen reizenden Anblick. Die CanĂ€le, welche die PlĂ€nen durchschneiden, sind von einer ungemeinen Schönheit, sowohl des klaren und sanft dahin fliessenden Wassers, als auch der Einfassungen und BrĂŒcken wegen, womit sie bekleidet sind. Sie laufen gemeiniglich zwischen kleinen Erhöhungen auf beiden Seiten, die mit Steinen oder groben MarmorstĂŒcken eingefasst sind. Die ĂŒber diese CanĂ€le gefĂŒhrte BrĂŒcken, die zunĂ€chst zur Verbindung der LĂ€ndereigen dienen, sind von drei bis sieben Bögen, wovon der mittelste oder Hauptbogen gehr hoch ist, damit die Fahrzeuge darunter bequem hinwegfahren können. Die Gewölbe sind von grossen StĂŒcken von Steinen erbauet, die Pfeiler aber so schmal, dass man in der Ferne glaubt, die Bögen schweben in der Luft. Man sieht solche BrĂŒcken von einer Strecke zur andern, und wenn, wie gewöhnlich, der Canal grade ist, so macht diese lange Reihe von BrĂŒcken eine Art von Allee, die ein prĂ€chtiges Ansehen hat. Der Hauptcanal der Provinz theilt sich zur Rechten und Linken in verschiedene kleiner, die sich wieder in eine Menge von BĂ€chen zerschneiden, die an StĂ€dte und Dörfer hinlaufen, zuweilen Teiche und Seen bilden, wovon die angrĂ€nzende LĂ€ndereien befruchtet werden. Dieses klare Wasser, hin und wieder in den PlĂ€nen vertheilt, mit BrĂŒcken verschönert, mit Fahrzeugen belegt, mit Dörfern untermischt, durch welche die BĂ€che bald hellschimmernd, bald dunkel beschattet ihren Lauf verfolgen, macht unstreitig eins der heitersten GemĂ€lde von Landschaft. âWas wĂŒrde noch werden, sagt Comte, wenn die Kunst, die oft in Frankreich die wildesten Gegenden durch die Pracht der PalĂ€ste, durch GĂ€rten und Lusthayne verschönert, in diesen reichen Gefilden wĂŒrksam wĂŒrde, wo die Natur nichts gespart hatâ ? Eine solche Landschaft ist zwar kein Garten ; wie leicht kan sie aber nicht von einem Reisenden, der sich ganz den EntzĂŒckungen des Auges ĂŒberlĂ€sst, dafĂŒr angenommen werden ?
Indessen ist dis eben nicht der Fall, worin sich Chambers befindet. Er versichert, dass er sich bei den Chinesern genau nach den GrundsĂ€tzen erkundigt habe, denĂȘn sie bei der Anlage ihrer GĂ€rten folgen. Wenn wir nicht glauben, dass er sich von falschen Nachrichten der Chineser hat blenden lassen, die so gern ĂŒbertreiben, so gern alles, was ihre Nation betrift, vergrössern ; so lĂ€sst sich ein anderer Ausweg zur ErklĂ€rung dieser Sache entdecken.
Chambers hatte in seinem Vaterlande bemerkt, dass man theils noch zu sehr der alten Manier anhing, theils bei den neuen Versuchen in DĂŒrftigkeit an Erfindung und in manche Ausschweiffungen verfiel. Er sah es mit Verdruss, dass, da jede andere der schönen KĂŒnste so viele Lehrer hĂ€tte, die Gartenkunst allein verwaiset zurĂŒckbliebe, dass kein Mann fĂŒr sie auffstand, der sie in ihre Rechte einsetzte. Er fand in seinem Verstand un in seiner Einbildungskraft Ideen, die er der Natur und Bestimmung der GĂ€rten eigenthĂŒmlicher hielt, als die gewöhnlichen sind, denen man tĂ€glich folgte. Er glaubte, dass diese Ideen mehr Aufmerksamkeit erregen, mehr Aufnahme finden mĂŒsten, wenn sie einer entfernten Nation untergeschoben wĂŒrden, die schon eine wĂŒrkliche Anwendung davon gemacht hĂ€tte. Er hatte Klugheit genug, unter diese Ideen ZusĂ€tze zu mischen, die dem Nationalgeist der Chineser eigen sind. Kurz, er pflanzte brittische Ideen auf chinesischen Boden, um ihnen ein mehr auffallendes Ansehen zu geben und sie eindringender zu machen.
Diese Vermuthung wird weniger gewagt scheinen, wenn man ausser allen dem, was oben von den Chinesern angefĂŒhrt worden und woraus man keine vortheilhafte Begriffe von ihren GĂ€rten zu ziehen veranlasst wird, noch die Beschreibung des Chambers selbst etwas nĂ€her betrachtet.
Er fragt nicht, wo die herlichen GĂ€rten, die er malt, liegen ; auch sagt er nicht, dass es GĂ€rten des Kaisers oder dieser und jener Grossen sind. Er nennt sie ganz algemein chinesische GĂ€rten, und scheint uns ĂŒberreden zu wollen, dass es GĂ€rten der Nation wĂ€ren, GĂ€rten, die eben so gewöhnlich in China angetroffen wĂŒrden, als die Französischen in Europa.
DemnĂ€chst gesteht er ausdrĂŒcklich, dass er weder mit der kĂŒnstlichen, noch mit der simpeln Manier in der Gartenkunst zufrieden sei. Jene weiche zu ausschweiffend von der Natur ab, diese hingegen sei eine zu gewissenhafte AnhĂ€ngerin derselben. Eine mit Urtheil unternommene Vereinigung beider Manieren wĂŒrde eine dritte hervorbringen, die gewis vollkommener wĂ€re, als diese beide. - Und diese Vereinigung hat er offenbar in der letzten ausfĂŒhrlichen Schrift von den chinesischen GĂ€rten zur Absicht.
Wenn jemand, sagt er ferner, kĂŒhn genug wĂ€re, einen Versuch zu dieser Vereinigung zu machen, so wĂŒrde er sich dem Tadel beider Partheien aussetzen, ohne eine oder die andere zu bessern, und sich dadurch selbst nachtheilig werden, ohns der Kunst einen Dienst zu leisten. Dem ohngeachtet aber könne es doch nicht undienlich seyn, das System eines fremden Volks bekannt zu machen. Er könne es mittheilen, ohne seine eigene Gefahr, und wie er hoffe, ohne sonst jemand zu beleidigen. â Diese Wendung des Chambers gibt seine Lage und Absicht nicht undeutlich zu erkennen.
Ein grösserer Beweis ist die ganze Schrift selbst. Wenn man nicht annĂ€hme, dass Chambers seine Philosophie, seine Einsichten in die KĂŒnste und in das menschliche Herz, seine blĂŒhende Einbildungskraft und seinen feinen Geschmack den Chinesern geliehen hĂ€tte ; so wĂŒrde man das, was er von ihren GĂ€rten rĂŒhmt, mit so vielen zuverlĂ€ssigen Nachrichten, die wir von diesem Reich und von dem Geist dieser Nation haben, unmöglich vereinigen können. Er ist freigebig mit LobsprĂŒchen, worauf sie auf keine Weise Anspruch machen dĂŒrfen. Wenn er gleich im Anfang sagt, dass ihre GĂ€rtner nicht allein Botanisten, sondern auch Maler und Philosophen sind ; dass sie eine volkommene Kentnis des menschlichen Herzens und der KĂŒnste besitzen, durch welche die stĂ€rksten Empfindungen erregt werden können ; so ist dis eine so ungeheure Behauptung, als die nur gefunden werden kan. Auch wenn man hie und da die sinnreichsten GemĂ€lde der Phantasie und die wunderbarsten Feenbezauberungen, die nicht von dem WĂŒrklichen abgezogen sind, auch wenn man verschiedene WidersprĂŒche, da Verwirrungen der Einbildungskraft mit bedĂ€chtiger Wahl, mit richtigem GefĂŒhl und seiner Beobachtung abwechseln, in der Beschreibung ĂŒbersieht ; so gibt ihr ganzer Inhalt doch Beweis genug, dass Chambers, indem er die GrundsĂ€tze der chinesischen Gartenkunst zu erheben bemĂŒhet scheint, mehr bemĂŒhet ist, seine eigene vorzutragen.
Wenn ĂŒbrigens seiner Schrift die historische Wahrheit fehlt, so sol dadurch ihr Werth nicht herabgewĂŒrdigt werden. Sie bleibt immer als das Werk eines Mannes von viel Kentnis, Geschmack und Genie schĂ€tzbar und in einzelnen Stellen fĂŒr die Gartenkunst wichtig ; immer eine angenehme Beschreibung eines nicht vorhandenen Gegenstandes, ein schönes Ideal, dem nichts weiter fehlt, als dass es vielleicht nie WĂŒrklichkeit haben wird.
Es wĂŒrde ein seltsames MisverstĂ€ndnis seny, wenn man glaubte, das Daseyn chinesischer GĂ€rten ĂŒberhaupt zweifelhaft machen wolte. In der That könte nichts seltsamer seyn. Meine Absicht ist blos, zu beweisen, dass China nicht solche GĂ€rten hat, als Chambers beschreibt, als ein algemeines Vorurtheil rĂŒhmt, und eine getĂ€uschte Nachahmungssucht nachzubilden versucht. So weit noch die Nachahmung gekommen ist, so weit ist sie auch mehr dem ideal eines Briten, als dem Muster eines Chinesers nachgegangen.
Die GĂ€rten in China können so wenig von dem Geist und dem Geschmack der Nation abweichend seyn, als irgend ein anderer Zweig der schönen KĂŒnste. Ausser dem, was einige andere Reisende bemerken, gibt Comte eine Nachricht von den chinesischen GĂ€rten, die mitdem, was wir sonst von der Nation wissen, mehr ĂŒbereinstimt und der Wahrheit nĂ€her zu treten scheint. Die Chineser, sagt er, sind noch nachlĂ€ssiger in ihren GĂ€rten, als in ihren Wohnungen ; sie haben in diesem Punkt Begriffe, die von den unsrigen sehr verschieden sind. RegelmĂ€ssige PlĂ€tze anzulegen, Blumen zu pflanzen, Alleen und Hecken zu ziehen, wĂŒrden sie fĂŒr widersinnig halten. Das öfentliche Wohl erfordert, dass alles besĂ€et sei, und ihr Privatinteresse, das mehr als die gemeine Wohlfahrt sie rĂŒhrt, erlaubt ihnen nicht, das Angenehme dem NĂŒtzlichen vorzuziehen. Ihre Blumen ziehen sie so schlecht, dass man MĂŒhe hat, sie wieder zu kennen. Man erblickt zwar in einigen Gegenden BĂ€ume, die eine grosse Zierde in den GĂ€rten geben wĂŒrden ; allein sie verstehen nicht die Kunst, sie geschickt zu stellen. Anstatt der FrĂŒchte sind diese BĂ€ume fast das ganze Jahr hindurch mit BlĂŒten von lebhaftem Roth und Incarnat bedeckt ; pflanzte man davon Alleen, mit PomeranzenbĂ€umen untermischt, wie sehr leicht geschehen könte, so wĂŒrde dies den schönsten Anblick von der Welt geben ; aber weil die Chineser nur selten spatzieren gehen, so sind Alleen nicht nach ihrem Geschmack. Ob sie gleich von der Anordnung und von der Kunst, wahre Verschönerungen anzubringen, nichts verstehen, so machen sie doch in ihren GĂ€rten Aufwand. Sie bauen Grotten, sie fĂŒhren kleine kĂŒnstliche HĂŒgel auf, sie bringen ganze FelsstĂŒcke dahin, die sie ĂŒber einander aufhĂ€ufen, ohne eine andere Absicht, als blos die Natur nachzuahmen. Wenn sie demnĂ€chst so viel Wasser finden, als nöthig ist, um ihren Kohl und ihre ĂŒbrigen KĂŒchengewĂ€chse zu begiessen, so glauben sie, dass sie nichts mehr zu thun ĂŒbrig haben. Der Kaiser hat WasserkĂŒnste von der Erfindung der EuropĂ€er ; Privatpersonen aber begnĂŒgen sich mit ihren Teichen und Brunnen. â Die Pracht und der Aufwand, womit die Grossen umgeben sind, sobald sie öffentlich erscheinen, glĂ€nzt gar nicht auf ihr hĂ€usliches Leben und ihre LustgĂ€rten zurĂŒck, worin nichts von den zauberischen Schönheiten, wovon man trĂ€umt, aber viel DĂŒrftigkeit und geschmacklose Einfalt herscht, und die nĂ€her betrachtet weder etwas zu bewundern noch zu verwundern geben.
SekundÀrliteratur
Susanne MĂŒller-Wolff : William Chambers, der als entscheidender Wegbereiter des sentimentalen Landschaftsgartens gilt, blieb mit seiner Dissertation on Oriental gardening nicht ohne Einfluss auf Hirschfeld. Seine emphatisch vorgetragene Forderung an die Gartenkunst, nicht den Verstand, sondern umso intensiver das GefĂŒhl anzusprechen, prĂ€gte die Sichtweise Hirschfelss. Dass Chambers zur Erreichung dieses Ziels den chinesischen Gartenstil favorisierte, behagte Hirschfeld weniger. Vor allem Gartenszenen von wildem und fĂŒrcherlichem Charakter, wie sie Chambers in seiner Schrift genĂŒsslich ausmalt, stiessen bei Hirschfeld auf deutliche Ablehnung. Seine Schrift ist als Polemik gegen William Chambers aufzufassen : Die historische Herleitung der landschaftlichen Gartenkunst von den chinesischen GĂ€rten wird darin ebenso in Frage gestellt wie die verbreitete Chinamode. Bei der Formulierung seiner Theorie konnte Hirschfeld an eine Ă€sthetische Diskussion anknĂŒpfen, die, angeregt durch die sensualistischen EinflĂŒsse aus England und Frankreich, seit Anfang der 1770er Jahre auch in Deutschland das Naturschöne thematisierte und den sinnlichen QualitĂ€ten der Natur einen eigenen Wirkungsraum zuwies.
Quellen :
Chambers, William.
Du Halde, Jean-Baptiste. Description [ID D1819].
Le Comte, Louis. Nouveaux mémoires sur l'état présent de la Chine... [ID D1771].
Pauw, Cornelius de. Recherches philosophiques sur les Egyptiens et les Chinois [ID D1861].
Er schreibt :
Die chinesischen GĂ€rten oder das, was man unter diesem Namen reizend genug geschildert hat, ist nicht bloss ein Gegenstand der Bewunderung, sondern auch der Nachahmung geworden. Wenn auch gleich schon Nachdenken und Genie, ohne UnterstĂŒtzung eines besondern Beispiels, auf die Erfindung der neuen Manier leiten konnten, die man in England aufgenommen und die sich von da weiter zu verbreiten angefangen hat ; so ist es doch wahrscheinlich, dass die Nachrichten von den GĂ€rten in China viel dazu beygetragen haben. Wenigstens ist gewiss, dass die neue Manier in England sich um eben die Zeit am meisten hob, als sich der Ruhm der orientalischen GĂ€rten ausbreitete. Nicht minder ist gewiss, dass der EnglĂ€nder von einem grossen Vorurtheil fĂŒr die GĂ€rten in China bezaubert ist, und dass der Franzose und mit ihm der Deutsche sich diesem Vorurtheil zu ĂŒberlassen anfĂ€ngt. Man verlangt jetzt nicht etwa GĂ€rten, die mit eigener Ăberlegung, mit besserm Geschmack, als die alten, angelegt wĂ€ren ; man verlangt chinesische, oder chinesisch-englĂ€ndische GĂ€rten.
Wie aber, wenn diese Raserei einen unsichern Grund hĂ€tte, wie so manche andere Raserei der Mode ? Wenn die chinesischen GĂ€rten, wovon man so entzĂŒcket ist, die man so hitzig nachzuahmen strebt, nicht vorhanden wĂ€ren, wenigstens nicht so vorhanden wĂ€ren, wie man sich einbildet ? â das wĂ€re doch sonderbar. Freilich wĂ€re es so, und nicht weniger lĂ€cherlich, etwas haben nachahmen wollen, wovon man ĂŒberfĂŒhrt wird, dass es nicht da ist.
Als ich zuerst die Beschreibungen der chinesischen GĂ€rten las, ging es mir, wie vermuthlich manchem andern Leser mehr. Ich fand darin wahre und hohe Schönheiten der Natur, nur das davon abgerechnet, was dem morgenlĂ€ndischen Geschmack eigen ist oder zu seinen Ausschweiffungen gehört. Ich ward von so vielen reizenden Scenen entzĂŒckt, und vergass bei dieser Bewegung nachzudenken, ob sich auch alles wĂŒrklich so verhalten mögte. Ein wiederholtes Lesen liess mir mit einer gelassenen Behagung mehr Ruhe, zu ĂŒberlegen. Ich fieng an, gegen die Wirklichkeit solcher GĂ€rten hie und da einen Zweifel zu finden, und konnte mich nicth enthalten, einige davon zu Ă€ussern. Bei einer nĂ€hern Vergleichung verschiedener einsichtsvollen Schriftsteller, die von China handeln, habe ich GrĂŒnde entdeckt, die mich noch mehr an dem Daseyn solcher GĂ€rten zweifeln machen, wie man uns die chinesischen beschreibt. Ich theile sie hier zur weitern Berutheilung mit.
China ist, nach den zuverlĂ€ssigen Zeugnissen der Reisenden, bey weitem nicht so sehr angebauet, als man oft vorgegeben hat. Sogar nahe um Peking gibt es noch einige meilenlange WĂŒsten und MorĂ€ste. Die entlegenen Provinzen liegen fast alle ganz wĂŒste, zum Theil so wĂŒste, dass Tieger und andere wilde Thiere in Menge umherschwĂ€rmen. Der Handel versammelt die Einwohner um die Hauptstadt und schönen FlĂŒsse her, wodurch ein so starker Zusammenfluss von Menschen entsteht, dass die oft einreissende Hungersnoth die schrecklichsten VerwĂŒstungen angerichtet hat. In diesen Gegenden, wo sich die ThĂ€tigkeit der Nation am meisten Ă€ussert, mĂŒsste man die so sehr gerĂŒhmten GĂ€rten suchen, wenn anders die nothwendige Sorge, durch Ackerbau den harten BedĂŒrfnissen abzuhelfen, noch Zeit und Ruhe zur Anlegung lĂ€ndlicher LustplĂ€tze verstattete. Je weiter man in die Provinzen hineinkommt, desto weniger trift man bebauete LĂ€nder an; nicht die HĂ€lfte des Erdreichs ist genutzt ; nur selten erscheint ein Dorf. Auch weiss man, dass die Chineser wenig Liebe zum Landbau besitzen, die ĂŒberdies mit dem heissen Wuchergeist, einer fast allgemeinen Seuche der Nation, nicht vereinbar ist.
Comte, du Halde und andere glaubwĂŒrdige Zeugen rĂŒhmen zwar den Anbau der KĂŒchengewĂ€chse in China, wovon die GĂ€rten nie leer sind, weil sich besonders der gemeine Mann davon ernĂ€hrt. Allein sie bemerken zugleich, dass an der Menge und Manigfaltigkeit der GewĂ€chse und FrĂŒchte mehr der gute Erdboden, als die Geschicklichkeit der Einwohner Antheil hat. Die meisten FrĂŒchte, setzen sie hinzu, kommen den unsrigen nicht gleich, weil die Chineser nicht die Kunst verstehen oder sich nicht die MĂŒhe nehmen, die BaumfrĂŒchte zu verbessern und ihnen einen mehr anziehenden Geschmack zu geben. Alle ihre Sorgfalt von dieser Seite schrĂ€nket sich auf den Kornbau und Reisbau ein. Von der Botanik wissen sie fast nichts.
Es ist ausgemacht, dass keine der schönen KĂŒnste bei den Chinesern zur Volkommenheit emporgestiegen ist. Von der Perspectiv haben sie nicht den geringsten Begrif. In der Malerei klecken sie Landschaften, worin weder Sehepunkt noch Ferne ist. Die dem Gesicht sich entfernende Linien sind ihnen ebenso unbekannt, als der Punkt, worin sie sich vereinigen mĂŒssen, indem sie nicht die geringste Kentnis von den Regeln haben, denen die WĂŒrkungen des Lichts unterworfen sind. Mit den Gegenstellungen oder den grossen Massen von Schatten sind sie, wie man leicht hinzu denken kan, ebenfals ganz unbekant. Sie wissen nichts von der Kunst, die Farben zu brechen und zu versetzen. Sie musten also sehr verlegen sey, wenn sie den Prospect eines Gartens vorstellen solten. Ihre Zeichnung ist, wie man weiss, sehr schlecht. Nicht einmal den Blumen, die doch so hĂ€ufig gemalt werden, verstehen sie die Richtigkeit der Zeichnung zu geben. Ihre wilde Einbildungskraft zieht sie von dem Studium der Natur ab, die eine ruhige und bedĂ€chtige Betrachtung erfordert ; wozu die Chineser so wenig, als andere morgenlĂ€ndische Völker, aufgelegt sind.
Schon aus diesen allgemeinen Bemerkungen wird man eben keine grosse Erwartung schöpfen, dass die schöne Gartenkunst von den Chinesern geliebt und mit GlĂŒck getrieben werde, viel weniger dass sie GĂ€rten von so vorzĂŒglichen Schönheiten besitzen, wie man uns ĂŒberreden will.
China ist kein Reich, das erst seit einigen Jahren von den EuropĂ€ern besucht wurde, oder wohin nur Leute ohne Einsicht, ohne Beobachtungsfeist, ohne Geschmack gekommen wĂ€ren. Woher komt es, das so viele Reisebeschreiber, so vieles und seit einer so langen Zeit, von China berichten, ohne der so herlichen GĂ€rten der Nation zu erwĂ€hnen, und dass man erst in der letzten HĂ€lfte des gegenwĂ€rtigen Jahrhunderts angefangen, sie mit einer Art von Begeisterung zu rĂŒhmen ? Vielleicht waren sie in den Ă€ltern Zeiten noch nicht vorhanden, nicht einmal hie und da in einem vorbereitenden Anfang vorhanden. Allein in diesem Jahrhundert mĂŒsten sie doch da seyn. Es sollen ja GĂ€rten seyn, die bei der Nation gewöhnlich, nicht blos diesem oder jenem Grossen eigen sind, GĂ€rten, welche die Nation ohne BeihĂŒlfe, ohne Beispiel durch ihr eigenes Genie hervorgebracht hat. Es lĂ€sst sich nicht wohl denken, dass solche GĂ€rten so ganz neu seyn oder so verborgen liegen solten, dass sie nur erst vor etwa dreissig Jahren von einem Reisenden hĂ€tten bemerket werden können. Wenigstens schon hie und da haben sie lĂ€ngst vorhanden seyn mĂŒssen. Die chinesische Nation ist unstreitig keine solche, die auf einmal plötzliche FortgĂ€nge in einer Wissenschaft oder Kunst gemacht hĂ€tte ; ihr Genie hat immer nur einen schleichenden Gang genommen, nie einen glĂŒcklichen Spring gewagt ; das Vorurtheil fĂŒr alles, was bei ihr alt geworden, unterstĂŒtzt ihre natĂŒrliche TrĂ€gheit. Die paradiesischen GĂ€rten hĂ€tten also schon lange blĂŒhen mĂŒssen, in einer so auffallenden Schönheit, mit so eigenen hervorstechenden Reitzen, dass jeder fremde Auge sie mit Bewunderung hĂ€tte wahrnehmen mĂŒssen. Und doch ein so tiefes Stillschweigen von so vielen Reisenden, die sie sehen konnten und sehen musten. Vielleicht waren diese Reisende nicht alle Kenner. Der grösste Theil der nach China reisenden Gelehrten bestand aus französischen Jesuiten, die vielleicht entweder keine Einsicht in die Gartenkunst haben oder voll Vorutheil fĂŒr die Manier ihres Vaterlandes seyn konten. Es mag seyn. Aber so hĂ€tten sie doch wenigstens das EigenthĂŒmliche und das Abweichende in dem chinesischen Geschmack bemerken können. Ausserdem waren verschiedene von diesen Missionarien geschickte Architecten und Maler. Die hohen Schönheiten der Natur, welche die chinesischen GĂ€rten darstellen sollen, sind jedem Auge fĂŒhlbar. Und der französische Jesuit hĂ€tte hier immer eine Ausnahme seyn sollen ? Man weiss, wie sorgfĂ€ltig diese Missionarien gewesen, alles MerkwĂŒrdige in China aufzuzeichnen und ihrem Hofe zu berichten ; man weiss, wie beredt sie zum theil erzĂ€hlen, sie gerne sie ausschmĂŒcken. Sie beschreiben sehr ausfĂŒhrlich die Beschaffenheit des Erdreichs, des Ackerbaues, der GartengewĂ€chse und aller FrĂŒchte. Und doch bei den nĂ€chsten Veranlassungen, von den LustgĂ€rten zu reden, schweigen sie entweder ganz, oder geben uns nur einige flĂŒchtige Anzeigen, die nichts weniger, als den stolzen Begrif erregen, den man von den Wundern der chinesischen GĂ€rten hat.
Indessen ist es Chambers, Architect des Königs von England, dem man die verfĂŒhrerische Beschreibung der chinesischen GĂ€rten und die algemeine Verbreitung ihres Ruhms verdankt. Dieser Mann, der Wissenschaft, Geschmack und Genie vereinigt, ragt unter allen Reisebeschreibern von China als der Lobredner der GĂ€rten dieses Reichs hervor. Seine Beschreibung ist als die algemeine Quelle anzusehen, woraus alle ĂŒbrige Schilderungen mit mehr oder weniger AbĂ€nderung und ZusĂ€tzen geschöpft sind. Die erste Nachricht gab der in seinem grössern Werke : Description of Chinese Buildings, etc. London. Fol. 1757 S. 14-19 zwar nur beilĂ€ufig, indem er sich vornehmlich mit den GebĂ€uden, Maschinen und HausgerĂ€then der Chineser beschĂ€ftigt. Man lobte, man bewunderte den Geschmack der Gartenkunst, den Chambers den Chinesern beilegte ; man fing an, diesen Geschmack in England nachzuahmen. Ohne Zweifel war dieser Beifall den seine Beschreibung fand, eine Veranlassung mehr, dass er den ersten kurzen Entwurf in einer besondern Schrift : Dissertation on oriental Gardening. London 4. 1772 (deutsche Ăbersetzung. 8. Gotha 1775) weiter ausfĂŒhrte und darin Genie und Geschmack aufbot, um ein GemĂ€lde zu liefern, das durch Schönheit und Mannigfaltigkeit nicht weniger, als durch Neuheit reitzte.
Man ist sehr geneigt, einen Reisenden, der aus einem entfernten Welttheil komt, wohin ohnedies nur noch wenig EnglĂ€nder gedrungen waren, erzĂ€hlen zu hören ; man hört ihn desto aufmerksamer, je mehr er durch das Neue und Unerwartete sich der Bewunderung zu bemeistern weiss ; man hört ihn mit Zutrauen, wenn er als ein Mann von Verstand, und mit VergnĂŒgen, wenn er als ein Mann von Geschmack erzĂ€hlt. Chambers muste Eingang finden, wenn er gleich weniger die Wahrheit, als das Anziehende seiner ErzĂ€hlung, auf seiner Seite hatte.
Ich kan es mir vorstellen, wie ein Mann von weniger Talenten und Beobachtung, als Chambers, in einigen Gegenden von China verleitet werden kan, da GĂ€rten zu sehen, wo keine sind. Nach dem Bericht des Comte sind einige fruchtbare Provinzen nicht allein mit vortreflichen FrĂŒchten, sondern auch mit anmuthigen HĂŒgeln und CanĂ€len erfĂŒlt. Die HĂŒgel sind in verschiedene AbsĂ€tze und Stuffen vom Fusse bis zum Gipfel bearbeitet, aber blos in der Absicht, damit das Regenwasser sich ĂŒberall vertheilen und das besĂ€ete Erdreich mit seinen Pflanzen nicht so leicht hinabreissen könne. Indessen gibt diese Gestalt, worin die HĂŒgel gebildet werden, zuman wenn mehrere in einem Bezirk umherliegen, einen reizenden Anblick. Die CanĂ€le, welche die PlĂ€nen durchschneiden, sind von einer ungemeinen Schönheit, sowohl des klaren und sanft dahin fliessenden Wassers, als auch der Einfassungen und BrĂŒcken wegen, womit sie bekleidet sind. Sie laufen gemeiniglich zwischen kleinen Erhöhungen auf beiden Seiten, die mit Steinen oder groben MarmorstĂŒcken eingefasst sind. Die ĂŒber diese CanĂ€le gefĂŒhrte BrĂŒcken, die zunĂ€chst zur Verbindung der LĂ€ndereigen dienen, sind von drei bis sieben Bögen, wovon der mittelste oder Hauptbogen gehr hoch ist, damit die Fahrzeuge darunter bequem hinwegfahren können. Die Gewölbe sind von grossen StĂŒcken von Steinen erbauet, die Pfeiler aber so schmal, dass man in der Ferne glaubt, die Bögen schweben in der Luft. Man sieht solche BrĂŒcken von einer Strecke zur andern, und wenn, wie gewöhnlich, der Canal grade ist, so macht diese lange Reihe von BrĂŒcken eine Art von Allee, die ein prĂ€chtiges Ansehen hat. Der Hauptcanal der Provinz theilt sich zur Rechten und Linken in verschiedene kleiner, die sich wieder in eine Menge von BĂ€chen zerschneiden, die an StĂ€dte und Dörfer hinlaufen, zuweilen Teiche und Seen bilden, wovon die angrĂ€nzende LĂ€ndereien befruchtet werden. Dieses klare Wasser, hin und wieder in den PlĂ€nen vertheilt, mit BrĂŒcken verschönert, mit Fahrzeugen belegt, mit Dörfern untermischt, durch welche die BĂ€che bald hellschimmernd, bald dunkel beschattet ihren Lauf verfolgen, macht unstreitig eins der heitersten GemĂ€lde von Landschaft. âWas wĂŒrde noch werden, sagt Comte, wenn die Kunst, die oft in Frankreich die wildesten Gegenden durch die Pracht der PalĂ€ste, durch GĂ€rten und Lusthayne verschönert, in diesen reichen Gefilden wĂŒrksam wĂŒrde, wo die Natur nichts gespart hatâ ? Eine solche Landschaft ist zwar kein Garten ; wie leicht kan sie aber nicht von einem Reisenden, der sich ganz den EntzĂŒckungen des Auges ĂŒberlĂ€sst, dafĂŒr angenommen werden ?
Indessen ist dis eben nicht der Fall, worin sich Chambers befindet. Er versichert, dass er sich bei den Chinesern genau nach den GrundsĂ€tzen erkundigt habe, denĂȘn sie bei der Anlage ihrer GĂ€rten folgen. Wenn wir nicht glauben, dass er sich von falschen Nachrichten der Chineser hat blenden lassen, die so gern ĂŒbertreiben, so gern alles, was ihre Nation betrift, vergrössern ; so lĂ€sst sich ein anderer Ausweg zur ErklĂ€rung dieser Sache entdecken.
Chambers hatte in seinem Vaterlande bemerkt, dass man theils noch zu sehr der alten Manier anhing, theils bei den neuen Versuchen in DĂŒrftigkeit an Erfindung und in manche Ausschweiffungen verfiel. Er sah es mit Verdruss, dass, da jede andere der schönen KĂŒnste so viele Lehrer hĂ€tte, die Gartenkunst allein verwaiset zurĂŒckbliebe, dass kein Mann fĂŒr sie auffstand, der sie in ihre Rechte einsetzte. Er fand in seinem Verstand un in seiner Einbildungskraft Ideen, die er der Natur und Bestimmung der GĂ€rten eigenthĂŒmlicher hielt, als die gewöhnlichen sind, denen man tĂ€glich folgte. Er glaubte, dass diese Ideen mehr Aufmerksamkeit erregen, mehr Aufnahme finden mĂŒsten, wenn sie einer entfernten Nation untergeschoben wĂŒrden, die schon eine wĂŒrkliche Anwendung davon gemacht hĂ€tte. Er hatte Klugheit genug, unter diese Ideen ZusĂ€tze zu mischen, die dem Nationalgeist der Chineser eigen sind. Kurz, er pflanzte brittische Ideen auf chinesischen Boden, um ihnen ein mehr auffallendes Ansehen zu geben und sie eindringender zu machen.
Diese Vermuthung wird weniger gewagt scheinen, wenn man ausser allen dem, was oben von den Chinesern angefĂŒhrt worden und woraus man keine vortheilhafte Begriffe von ihren GĂ€rten zu ziehen veranlasst wird, noch die Beschreibung des Chambers selbst etwas nĂ€her betrachtet.
Er fragt nicht, wo die herlichen GĂ€rten, die er malt, liegen ; auch sagt er nicht, dass es GĂ€rten des Kaisers oder dieser und jener Grossen sind. Er nennt sie ganz algemein chinesische GĂ€rten, und scheint uns ĂŒberreden zu wollen, dass es GĂ€rten der Nation wĂ€ren, GĂ€rten, die eben so gewöhnlich in China angetroffen wĂŒrden, als die Französischen in Europa.
DemnĂ€chst gesteht er ausdrĂŒcklich, dass er weder mit der kĂŒnstlichen, noch mit der simpeln Manier in der Gartenkunst zufrieden sei. Jene weiche zu ausschweiffend von der Natur ab, diese hingegen sei eine zu gewissenhafte AnhĂ€ngerin derselben. Eine mit Urtheil unternommene Vereinigung beider Manieren wĂŒrde eine dritte hervorbringen, die gewis vollkommener wĂ€re, als diese beide. - Und diese Vereinigung hat er offenbar in der letzten ausfĂŒhrlichen Schrift von den chinesischen GĂ€rten zur Absicht.
Wenn jemand, sagt er ferner, kĂŒhn genug wĂ€re, einen Versuch zu dieser Vereinigung zu machen, so wĂŒrde er sich dem Tadel beider Partheien aussetzen, ohne eine oder die andere zu bessern, und sich dadurch selbst nachtheilig werden, ohns der Kunst einen Dienst zu leisten. Dem ohngeachtet aber könne es doch nicht undienlich seyn, das System eines fremden Volks bekannt zu machen. Er könne es mittheilen, ohne seine eigene Gefahr, und wie er hoffe, ohne sonst jemand zu beleidigen. â Diese Wendung des Chambers gibt seine Lage und Absicht nicht undeutlich zu erkennen.
Ein grösserer Beweis ist die ganze Schrift selbst. Wenn man nicht annĂ€hme, dass Chambers seine Philosophie, seine Einsichten in die KĂŒnste und in das menschliche Herz, seine blĂŒhende Einbildungskraft und seinen feinen Geschmack den Chinesern geliehen hĂ€tte ; so wĂŒrde man das, was er von ihren GĂ€rten rĂŒhmt, mit so vielen zuverlĂ€ssigen Nachrichten, die wir von diesem Reich und von dem Geist dieser Nation haben, unmöglich vereinigen können. Er ist freigebig mit LobsprĂŒchen, worauf sie auf keine Weise Anspruch machen dĂŒrfen. Wenn er gleich im Anfang sagt, dass ihre GĂ€rtner nicht allein Botanisten, sondern auch Maler und Philosophen sind ; dass sie eine volkommene Kentnis des menschlichen Herzens und der KĂŒnste besitzen, durch welche die stĂ€rksten Empfindungen erregt werden können ; so ist dis eine so ungeheure Behauptung, als die nur gefunden werden kan. Auch wenn man hie und da die sinnreichsten GemĂ€lde der Phantasie und die wunderbarsten Feenbezauberungen, die nicht von dem WĂŒrklichen abgezogen sind, auch wenn man verschiedene WidersprĂŒche, da Verwirrungen der Einbildungskraft mit bedĂ€chtiger Wahl, mit richtigem GefĂŒhl und seiner Beobachtung abwechseln, in der Beschreibung ĂŒbersieht ; so gibt ihr ganzer Inhalt doch Beweis genug, dass Chambers, indem er die GrundsĂ€tze der chinesischen Gartenkunst zu erheben bemĂŒhet scheint, mehr bemĂŒhet ist, seine eigene vorzutragen.
Wenn ĂŒbrigens seiner Schrift die historische Wahrheit fehlt, so sol dadurch ihr Werth nicht herabgewĂŒrdigt werden. Sie bleibt immer als das Werk eines Mannes von viel Kentnis, Geschmack und Genie schĂ€tzbar und in einzelnen Stellen fĂŒr die Gartenkunst wichtig ; immer eine angenehme Beschreibung eines nicht vorhandenen Gegenstandes, ein schönes Ideal, dem nichts weiter fehlt, als dass es vielleicht nie WĂŒrklichkeit haben wird.
Es wĂŒrde ein seltsames MisverstĂ€ndnis seny, wenn man glaubte, das Daseyn chinesischer GĂ€rten ĂŒberhaupt zweifelhaft machen wolte. In der That könte nichts seltsamer seyn. Meine Absicht ist blos, zu beweisen, dass China nicht solche GĂ€rten hat, als Chambers beschreibt, als ein algemeines Vorurtheil rĂŒhmt, und eine getĂ€uschte Nachahmungssucht nachzubilden versucht. So weit noch die Nachahmung gekommen ist, so weit ist sie auch mehr dem ideal eines Briten, als dem Muster eines Chinesers nachgegangen.
Die GĂ€rten in China können so wenig von dem Geist und dem Geschmack der Nation abweichend seyn, als irgend ein anderer Zweig der schönen KĂŒnste. Ausser dem, was einige andere Reisende bemerken, gibt Comte eine Nachricht von den chinesischen GĂ€rten, die mitdem, was wir sonst von der Nation wissen, mehr ĂŒbereinstimt und der Wahrheit nĂ€her zu treten scheint. Die Chineser, sagt er, sind noch nachlĂ€ssiger in ihren GĂ€rten, als in ihren Wohnungen ; sie haben in diesem Punkt Begriffe, die von den unsrigen sehr verschieden sind. RegelmĂ€ssige PlĂ€tze anzulegen, Blumen zu pflanzen, Alleen und Hecken zu ziehen, wĂŒrden sie fĂŒr widersinnig halten. Das öfentliche Wohl erfordert, dass alles besĂ€et sei, und ihr Privatinteresse, das mehr als die gemeine Wohlfahrt sie rĂŒhrt, erlaubt ihnen nicht, das Angenehme dem NĂŒtzlichen vorzuziehen. Ihre Blumen ziehen sie so schlecht, dass man MĂŒhe hat, sie wieder zu kennen. Man erblickt zwar in einigen Gegenden BĂ€ume, die eine grosse Zierde in den GĂ€rten geben wĂŒrden ; allein sie verstehen nicht die Kunst, sie geschickt zu stellen. Anstatt der FrĂŒchte sind diese BĂ€ume fast das ganze Jahr hindurch mit BlĂŒten von lebhaftem Roth und Incarnat bedeckt ; pflanzte man davon Alleen, mit PomeranzenbĂ€umen untermischt, wie sehr leicht geschehen könte, so wĂŒrde dies den schönsten Anblick von der Welt geben ; aber weil die Chineser nur selten spatzieren gehen, so sind Alleen nicht nach ihrem Geschmack. Ob sie gleich von der Anordnung und von der Kunst, wahre Verschönerungen anzubringen, nichts verstehen, so machen sie doch in ihren GĂ€rten Aufwand. Sie bauen Grotten, sie fĂŒhren kleine kĂŒnstliche HĂŒgel auf, sie bringen ganze FelsstĂŒcke dahin, die sie ĂŒber einander aufhĂ€ufen, ohne eine andere Absicht, als blos die Natur nachzuahmen. Wenn sie demnĂ€chst so viel Wasser finden, als nöthig ist, um ihren Kohl und ihre ĂŒbrigen KĂŒchengewĂ€chse zu begiessen, so glauben sie, dass sie nichts mehr zu thun ĂŒbrig haben. Der Kaiser hat WasserkĂŒnste von der Erfindung der EuropĂ€er ; Privatpersonen aber begnĂŒgen sich mit ihren Teichen und Brunnen. â Die Pracht und der Aufwand, womit die Grossen umgeben sind, sobald sie öffentlich erscheinen, glĂ€nzt gar nicht auf ihr hĂ€usliches Leben und ihre LustgĂ€rten zurĂŒck, worin nichts von den zauberischen Schönheiten, wovon man trĂ€umt, aber viel DĂŒrftigkeit und geschmacklose Einfalt herscht, und die nĂ€her betrachtet weder etwas zu bewundern noch zu verwundern geben.
SekundÀrliteratur
Susanne MĂŒller-Wolff : William Chambers, der als entscheidender Wegbereiter des sentimentalen Landschaftsgartens gilt, blieb mit seiner Dissertation on Oriental gardening nicht ohne Einfluss auf Hirschfeld. Seine emphatisch vorgetragene Forderung an die Gartenkunst, nicht den Verstand, sondern umso intensiver das GefĂŒhl anzusprechen, prĂ€gte die Sichtweise Hirschfelss. Dass Chambers zur Erreichung dieses Ziels den chinesischen Gartenstil favorisierte, behagte Hirschfeld weniger. Vor allem Gartenszenen von wildem und fĂŒrcherlichem Charakter, wie sie Chambers in seiner Schrift genĂŒsslich ausmalt, stiessen bei Hirschfeld auf deutliche Ablehnung. Seine Schrift ist als Polemik gegen William Chambers aufzufassen : Die historische Herleitung der landschaftlichen Gartenkunst von den chinesischen GĂ€rten wird darin ebenso in Frage gestellt wie die verbreitete Chinamode. Bei der Formulierung seiner Theorie konnte Hirschfeld an eine Ă€sthetische Diskussion anknĂŒpfen, die, angeregt durch die sensualistischen EinflĂŒsse aus England und Frankreich, seit Anfang der 1770er Jahre auch in Deutschland das Naturschöne thematisierte und den sinnlichen QualitĂ€ten der Natur einen eigenen Wirkungsraum zuwies.
ErwÀhnte Personen (2)
Themengebiete (3)
- Kunst âș Architektur und Gartenarchitektur
- Literatur âș Westen âș Deutschland
- Literatur âș Westen âș England
Dokumente (2)
| Jahr | Bibliografische Daten | Typ / AbkĂŒrzung | VerknĂŒpfte Daten |
|---|---|---|---|
| 1776 |
Hirschfeld, Christian Cajus Lorenz. Widerlegung des herrschenden Begriffs von den chinesischen GĂ€rten. In : Gothaisches Magazin ; Bd. 1 (1776). [Betr. William Chambers]. books.google.ch. |
Publication / Hirsch1 |
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| 2007- | Worldcat/OCLC | Web / WC |