Jahr
1919
Text
He, Lin. Die Verbreitung der Philosophie Nietzsches in China.Friedrich Nietzsche übte um die Zeit der 4.-Mai-Bewegung einen bedeutenden Einfluss auf die chinesische Intelligenz aus. Dieser Einfluss kam zwar zunächst durch die äussere Tatsache zustande, dass Nietzsches Denken in Asien, vor allem in Japan, weit verbreitet war, wurde aber auch durch innere Ursachen, die die entscheidenden waren begünstigt : Erstens stand Nietzsches Ansatz, alle Götzen zu zerschlagen und alle Werte umzuwerten, in Einklang mit Chinas Forderungen der damaligen Zeit, entschieden gegen Imperialismus und Feudalismus zu kämpfen. Zweitens entlarvte Nietzsche mit der Evokation des Übermenschen Dekadenz und Verderbtheit, die auf dem kapitalistischen Mammonismus beruhten, sowie die Geistes- und Glaubenskrise, an der die ökonomisch entwickelte kapitalistische Gesellschaft litt. Das entsprach den Forderungen Scharfblickender in China, gegen den Imperialismus zu kämpfen und das Übel des Kapitalismus in China zu vermeiden. Drittens vertrat Nietzsche eine spartanische Disziplin. Um eines grossen Zieles willen müsse man in der Lage sein, andern Mühsal aufzuzwingen und sie auch selber zu ertragen. Seine besondere Hervorrhebung der Willenskraft wurde, abgesehen von ihrer Zielsetzung, tatsächlich zu einer wirksamen Antriebskraft für die Umgestaltung der dekadenten, verlogenen und pedantischen Athmosphäre der damaligen halbkolonialen und halbfeudalen chinesischen Gesellschaft. Es war daher keineswegs Zufall, dass sich Nietzsches Einfluss in China zu jener Zeit weit verbreitete. Dieser Einfluss spielte, historisch gesehen, eine vorwiegend positive Rolle. Nach dem Ausbruch der Ersten Weltkrieges wurden Nietzsches Lehren zwar scharf kritisiert, und zweifellos enthielten sie Aspekte wie den Willen zur Macht und prophezeiten die Ankunft des Übermenschen, der die Rassen regiert und Herr der Erde ist. Die damals in Deutschland herrschende Klasse begrüsste derartige Thesen und machte sie zur theoretischen…
He, Lin. Die Verbreitung der Philosophie Nietzsches in China.
Friedrich Nietzsche übte um die Zeit der 4.-Mai-Bewegung einen bedeutenden Einfluss auf die chinesische Intelligenz aus. Dieser Einfluss kam zwar zunächst durch die äussere Tatsache zustande, dass Nietzsches Denken in Asien, vor allem in Japan, weit verbreitet war, wurde aber auch durch innere Ursachen, die die entscheidenden waren begünstigt : Erstens stand Nietzsches Ansatz, alle Götzen zu zerschlagen und alle Werte umzuwerten, in Einklang mit Chinas Forderungen der damaligen Zeit, entschieden gegen Imperialismus und Feudalismus zu kämpfen. Zweitens entlarvte Nietzsche mit der Evokation des Übermenschen Dekadenz und Verderbtheit, die auf dem kapitalistischen Mammonismus beruhten, sowie die Geistes- und Glaubenskrise, an der die ökonomisch entwickelte kapitalistische Gesellschaft litt. Das entsprach den Forderungen Scharfblickender in China, gegen den Imperialismus zu kämpfen und das Übel des Kapitalismus in China zu vermeiden. Drittens vertrat Nietzsche eine spartanische Disziplin. Um eines grossen Zieles willen müsse man in der Lage sein, andern Mühsal aufzuzwingen und sie auch selber zu ertragen. Seine besondere Hervorrhebung der Willenskraft wurde, abgesehen von ihrer Zielsetzung, tatsächlich zu einer wirksamen Antriebskraft für die Umgestaltung der dekadenten, verlogenen und pedantischen Athmosphäre der damaligen halbkolonialen und halbfeudalen chinesischen Gesellschaft. Es war daher keineswegs Zufall, dass sich Nietzsches Einfluss in China zu jener Zeit weit verbreitete. Dieser Einfluss spielte, historisch gesehen, eine vorwiegend positive Rolle. Nach dem Ausbruch der Ersten Weltkrieges wurden Nietzsches Lehren zwar scharf kritisiert, und zweifellos enthielten sie Aspekte wie den Willen zur Macht und prophezeiten die Ankunft des Übermenschen, der die Rassen regiert und Herr der Erde ist. Die damals in Deutschland herrschende Klasse begrüsste derartige Thesen und machte sie zur theoretischen Grundlage für ihren Krieg. Aber Nietzsches Denken umfasste zahlreiche weitere Ansätze und erntete auch andere Früchte. So wurde er um die Zeit der 4.-Mai-Bewegung zu einem leuchtenden Vorbild der chinesischen Ikonoklasten. Offensichtlich kann eine in der Vergangenheit entstandene Lehre später theoretisch unterschiedlich interpretiert und auf verschiedene Weise in die Tat umgesetzt werden.
Friedrich Nietzsche übte um die Zeit der 4.-Mai-Bewegung einen bedeutenden Einfluss auf die chinesische Intelligenz aus. Dieser Einfluss kam zwar zunächst durch die äussere Tatsache zustande, dass Nietzsches Denken in Asien, vor allem in Japan, weit verbreitet war, wurde aber auch durch innere Ursachen, die die entscheidenden waren begünstigt : Erstens stand Nietzsches Ansatz, alle Götzen zu zerschlagen und alle Werte umzuwerten, in Einklang mit Chinas Forderungen der damaligen Zeit, entschieden gegen Imperialismus und Feudalismus zu kämpfen. Zweitens entlarvte Nietzsche mit der Evokation des Übermenschen Dekadenz und Verderbtheit, die auf dem kapitalistischen Mammonismus beruhten, sowie die Geistes- und Glaubenskrise, an der die ökonomisch entwickelte kapitalistische Gesellschaft litt. Das entsprach den Forderungen Scharfblickender in China, gegen den Imperialismus zu kämpfen und das Übel des Kapitalismus in China zu vermeiden. Drittens vertrat Nietzsche eine spartanische Disziplin. Um eines grossen Zieles willen müsse man in der Lage sein, andern Mühsal aufzuzwingen und sie auch selber zu ertragen. Seine besondere Hervorrhebung der Willenskraft wurde, abgesehen von ihrer Zielsetzung, tatsächlich zu einer wirksamen Antriebskraft für die Umgestaltung der dekadenten, verlogenen und pedantischen Athmosphäre der damaligen halbkolonialen und halbfeudalen chinesischen Gesellschaft. Es war daher keineswegs Zufall, dass sich Nietzsches Einfluss in China zu jener Zeit weit verbreitete. Dieser Einfluss spielte, historisch gesehen, eine vorwiegend positive Rolle. Nach dem Ausbruch der Ersten Weltkrieges wurden Nietzsches Lehren zwar scharf kritisiert, und zweifellos enthielten sie Aspekte wie den Willen zur Macht und prophezeiten die Ankunft des Übermenschen, der die Rassen regiert und Herr der Erde ist. Die damals in Deutschland herrschende Klasse begrüsste derartige Thesen und machte sie zur theoretischen Grundlage für ihren Krieg. Aber Nietzsches Denken umfasste zahlreiche weitere Ansätze und erntete auch andere Früchte. So wurde er um die Zeit der 4.-Mai-Bewegung zu einem leuchtenden Vorbild der chinesischen Ikonoklasten. Offensichtlich kann eine in der Vergangenheit entstandene Lehre später theoretisch unterschiedlich interpretiert und auf verschiedene Weise in die Tat umgesetzt werden.
Erwähnte Personen (1)
Themengebiete (1)
- Philosophie › Europa › Deutschland