Jahr
1908
Text
Lu, Xun. Po’e sheng lun [ID D18282].Lu Xun schreibt : Wenn wir die heute vertretenen gesamten Behauptungen ins Auge fassen, so können wir solche in zwei Arten gliedern : die eine besagt : Du solltest Staatsbürger sein ; die andere heisst : Du solltest Weltbürger sein. Die einen fürchten, dass, wenn man sich nicht der Staatsbürgerschaft zuwendet, China in Unterjochung geraten werde ; die anderen machen sich aber Sorgen, dass man der [abendländischen] Zivilisation zuwiderlaufe, wenn man kein Weltmensch werden wolle. Bei genauer Betrachtung beider Auffassungen kann man schon feststellen, dass innerhalb solcher Meinungen – wenn auch ganz verschieden – das Ich zu verneinen ist, d.h. den Leuten ist hier nicht zumute, das Ich zu betonen und sich von anderen Menschen zu unterscheiden. Daraus ergibt sich offensichtlich, dass die Individualität unterdrückt wird. Kurzum, die Vertreter der Menschen als Staatsbürger sprechen über das Loswerden abergläubischer Vorstellungen, über Befürwortung von Aggression und Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Was die zweite betrifft, so ist damit eine Befürwortung einer weltweit einheitlichen Sprache, mit Verzicht auf das eigene Land, mit der Suche nach einer gemeinsamen Welt gemeint.Die chinesische Elite bezeichnet die beiden Völker als ein Rätsel, aber ich halte sie für vorwärtsschreitende. Sie wollen die beschränkte, relative und gegenwärtige Welt loswerden, suchen aber nach einem unendlichen, absoluten Kosmos. Ein Mensch muss einen inneren Halt haben. Der keine innere Gewissheit besitzende Mensch ist in diesem Sinne kein vollkommener.Was Friedrich Nietzsche betrifft, so kritisierte er das Christentum. Indem er die Darwinistische Evolutionslehre benutzte, stellte er seine 'Übermensch-Theorie' auf. Auch wenn Nietzsche selbst diese Lehre als eine wissenschaftliche bezeichnete, war sie vom religiösen Glauben nicht weit entfernt. Das Ziel seiner Lehre bestand nicht darin, Glaube zu vernichten, sondern darin, ihn zu verwandeln. Dieser Gedanke…
Lu, Xun. Po’e sheng lun [ID D18282].
Lu Xun schreibt : Wenn wir die heute vertretenen gesamten Behauptungen ins Auge fassen, so können wir solche in zwei Arten gliedern : die eine besagt : Du solltest Staatsbürger sein ; die andere heisst : Du solltest Weltbürger sein. Die einen fürchten, dass, wenn man sich nicht der Staatsbürgerschaft zuwendet, China in Unterjochung geraten werde ; die anderen machen sich aber Sorgen, dass man der [abendländischen] Zivilisation zuwiderlaufe, wenn man kein Weltmensch werden wolle. Bei genauer Betrachtung beider Auffassungen kann man schon feststellen, dass innerhalb solcher Meinungen – wenn auch ganz verschieden – das Ich zu verneinen ist, d.h. den Leuten ist hier nicht zumute, das Ich zu betonen und sich von anderen Menschen zu unterscheiden. Daraus ergibt sich offensichtlich, dass die Individualität unterdrückt wird. Kurzum, die Vertreter der Menschen als Staatsbürger sprechen über das Loswerden abergläubischer Vorstellungen, über Befürwortung von Aggression und Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Was die zweite betrifft, so ist damit eine Befürwortung einer weltweit einheitlichen Sprache, mit Verzicht auf das eigene Land, mit der Suche nach einer gemeinsamen Welt gemeint.
Die chinesische Elite bezeichnet die beiden Völker als ein Rätsel, aber ich halte sie für vorwärtsschreitende. Sie wollen die beschränkte, relative und gegenwärtige Welt loswerden, suchen aber nach einem unendlichen, absoluten Kosmos. Ein Mensch muss einen inneren Halt haben. Der keine innere Gewissheit besitzende Mensch ist in diesem Sinne kein vollkommener.
Was Friedrich Nietzsche betrifft, so kritisierte er das Christentum. Indem er die Darwinistische Evolutionslehre benutzte, stellte er seine 'Übermensch-Theorie' auf. Auch wenn Nietzsche selbst diese Lehre als eine wissenschaftliche bezeichnete, war sie vom religiösen Glauben nicht weit entfernt. Das Ziel seiner Lehre bestand nicht darin, Glaube zu vernichten, sondern darin, ihn zu verwandeln. Dieser Gedanke ist bis heute noch nicht verbreitet.
Yu Longfa : Lu Xuns Kritik basiert auf der Erkenntnis, dass der Einzelne das Wichtigste ist. Dass Wert auf eine Veränderung von Politik und Ökonomie gelegt werden könnte, ist ihm nicht bewusst. Vielmehr scheint ihm ein Appell an die Subjektivität des Menschen unentbehrlich zu sein. Er war der Auffassung, dass man zur Beherrschung der Welt nicht von der Veränderung eines politischen Systems ausgeht, weil das System einer Gesellschaft in Anbetracht seiner kollektiven Eigenschaften eines solchen Systems der Natur des Einzelnen zuwider handelt.
Lu Xun benutzt den Begriff des Individuums Nietzschescher Prägung als Mittel zur Bekämpfung der 'bösen Stimmen' und setzt sich mit der seit einigen tausend Jahren dominierenden konfuzianischen Ideologie auseinander.
Lu Xun schreibt : Wenn wir die heute vertretenen gesamten Behauptungen ins Auge fassen, so können wir solche in zwei Arten gliedern : die eine besagt : Du solltest Staatsbürger sein ; die andere heisst : Du solltest Weltbürger sein. Die einen fürchten, dass, wenn man sich nicht der Staatsbürgerschaft zuwendet, China in Unterjochung geraten werde ; die anderen machen sich aber Sorgen, dass man der [abendländischen] Zivilisation zuwiderlaufe, wenn man kein Weltmensch werden wolle. Bei genauer Betrachtung beider Auffassungen kann man schon feststellen, dass innerhalb solcher Meinungen – wenn auch ganz verschieden – das Ich zu verneinen ist, d.h. den Leuten ist hier nicht zumute, das Ich zu betonen und sich von anderen Menschen zu unterscheiden. Daraus ergibt sich offensichtlich, dass die Individualität unterdrückt wird. Kurzum, die Vertreter der Menschen als Staatsbürger sprechen über das Loswerden abergläubischer Vorstellungen, über Befürwortung von Aggression und Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Was die zweite betrifft, so ist damit eine Befürwortung einer weltweit einheitlichen Sprache, mit Verzicht auf das eigene Land, mit der Suche nach einer gemeinsamen Welt gemeint.
Die chinesische Elite bezeichnet die beiden Völker als ein Rätsel, aber ich halte sie für vorwärtsschreitende. Sie wollen die beschränkte, relative und gegenwärtige Welt loswerden, suchen aber nach einem unendlichen, absoluten Kosmos. Ein Mensch muss einen inneren Halt haben. Der keine innere Gewissheit besitzende Mensch ist in diesem Sinne kein vollkommener.
Was Friedrich Nietzsche betrifft, so kritisierte er das Christentum. Indem er die Darwinistische Evolutionslehre benutzte, stellte er seine 'Übermensch-Theorie' auf. Auch wenn Nietzsche selbst diese Lehre als eine wissenschaftliche bezeichnete, war sie vom religiösen Glauben nicht weit entfernt. Das Ziel seiner Lehre bestand nicht darin, Glaube zu vernichten, sondern darin, ihn zu verwandeln. Dieser Gedanke ist bis heute noch nicht verbreitet.
Yu Longfa : Lu Xuns Kritik basiert auf der Erkenntnis, dass der Einzelne das Wichtigste ist. Dass Wert auf eine Veränderung von Politik und Ökonomie gelegt werden könnte, ist ihm nicht bewusst. Vielmehr scheint ihm ein Appell an die Subjektivität des Menschen unentbehrlich zu sein. Er war der Auffassung, dass man zur Beherrschung der Welt nicht von der Veränderung eines politischen Systems ausgeht, weil das System einer Gesellschaft in Anbetracht seiner kollektiven Eigenschaften eines solchen Systems der Natur des Einzelnen zuwider handelt.
Lu Xun benutzt den Begriff des Individuums Nietzschescher Prägung als Mittel zur Bekämpfung der 'bösen Stimmen' und setzt sich mit der seit einigen tausend Jahren dominierenden konfuzianischen Ideologie auseinander.
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