1992

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Jahr

1992

Text

Ni, Cheng’en ĂŒber Heinrich Böll : SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssen die chinesischen Leser Heinrich Böll erst durch Übersetzung rezipieren. Mit anderen Worten : die individuelle Rezeption des Lesers wird durch seine sozial bedingte Rezeption bestimmt, durch die Auswahl des Übersetzers sowie des Verlegers und durch die Interpretation des Literaturkritikers. Aber sowohl die Auswahl als auch die Interpretation waren in China wĂ€hrend eines langen Zeitraums stark von der aktuellen Politik beeinflusst ; sie gingen dabei von der Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaft aus. Aus diesem Grund hatten die chinesischen Leser nur eine Lesart der Böllschen Werke aufzunehmen, nĂ€mlich diejenige, die das tragiesche Schicksal der kleinen Leute widerspiegelt
Bernd Balzer : Ni Cheng’en begrĂŒndet die Beliebtheit Bölls in China damit, dass seine Werke sowohl traditionell als auch avantgardistisch sind, weil diese Verbindung einerseits der Ă€sthetischen Gewohnheit des chinesischen Lesers entspricht, andererseits ihnen neu und originell erscheint.Ding Na : Vor allem beruht Bölls Beliebtheit in China darauf, dass seine Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaft kritisch und satirisch ist. Seine Werke dienen als BestĂ€tigung der miserablen ZustĂ€nde des Kapitalismus aus der sozialistischen Perspektive, sind also politisch-ideologisch durchaus akzeptabel. Was seine Sprache anbelangt, schreckt sein Werk die Übersetzer zuminest nicht ab. Obwohl Böll in China zu den am meisten gelesenen deutschsprachigen Autoren gehört, haben die Chinesen ihn auch oft missverstanden. Als die Studenten der Beijing-UniversitĂ€t Husten im Konzert von Böll [In : Neue Zeitschift fĂŒr Musik ; Bd. 143 (1982)] zum Lesen bekamen, fanden sie die Geschichte schwer verstĂ€ndlich ; warum „die wohlerzogenen Leute“ nichts zu sagen wagen, wenn jemand mit Bernd Balzer schreibt dazu : Die Pekinger Studenten bissen sich an der Geschichte die ZĂ€hne aus, obwohl einige nicht aufgaben ; sogar eine chinesische

Ni, Cheng’en ĂŒber Heinrich Böll : SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssen die chinesischen Leser Heinrich Böll erst durch Übersetzung rezipieren. Mit anderen Worten : die individuelle Rezeption des Lesers wird durch seine sozial bedingte Rezeption bestimmt, durch die Auswahl des Übersetzers sowie des Verlegers und durch die Interpretation des Literaturkritikers. Aber sowohl die Auswahl als auch die Interpretation waren in China wĂ€hrend eines langen Zeitraums stark von der aktuellen Politik beeinflusst ; sie gingen dabei von der Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaft aus. Aus diesem Grund hatten die chinesischen Leser nur eine Lesart der Böllschen Werke aufzunehmen, nĂ€mlich diejenige, die das tragiesche Schicksal der kleinen Leute widerspiegelt

Bernd Balzer : Ni Cheng’en begrĂŒndet die Beliebtheit Bölls in China damit, dass seine Werke sowohl traditionell als auch avantgardistisch sind, weil diese Verbindung einerseits der Ă€sthetischen Gewohnheit des chinesischen Lesers entspricht, andererseits ihnen neu und originell erscheint.

Ding Na : Vor allem beruht Bölls Beliebtheit in China darauf, dass seine Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaft kritisch und satirisch ist. Seine Werke dienen als BestĂ€tigung der miserablen ZustĂ€nde des Kapitalismus aus der sozialistischen Perspektive, sind also politisch-ideologisch durchaus akzeptabel. Was seine Sprache anbelangt, schreckt sein Werk die Übersetzer zuminest nicht ab. Obwohl Böll in China zu den am meisten gelesenen deutschsprachigen Autoren gehört, haben die Chinesen ihn auch oft missverstanden. Als die Studenten der Beijing-UniversitĂ€t Husten im Konzert von Böll [In : Neue Zeitschift fĂŒr Musik ; Bd. 143 (1982)] zum Lesen bekamen, fanden sie die Geschichte schwer verstĂ€ndlich ; warum „die wohlerzogenen Leute“ nichts zu sagen wagen, wenn jemand mit Bernd Balzer schreibt dazu : Die Pekinger Studenten bissen sich an der Geschichte die ZĂ€hne aus, obwohl einige nicht aufgaben ; sogar eine chinesische Übersetzung fĂŒr die Klassenzeitung verfassten in der Hoffnung, Komilitoren könnten die fĂŒr sie nicht entrĂ€tselbare Intention der Geschichte verstehen, denn meine ErlĂ€uterungen, dass fĂŒr Böll sich Toleranz erst dann als solche erweist, wenn sie wirklich „dulden“ und „ertragen“ bedeutet, wurde zwar verstanden, konnte aber nicht nachvollzogen werden.

ErwÀhnte Personen (1)

Themengebiete (1)

  • Literatur â€ș Westen â€ș Deutschland

Dokumente (2)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1992 Fernöstliche BrĂŒckenschlĂ€ge : zu deutsch-chinesischen Literaturbeziehungen im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Adrian Hsia und Sigfrid Hoefert. (Bern : P. Lang, 1992). (Euro-sinica ; Bd. 3). S. S. 124-124, 133 Publication / Hsia3
1995 Ding, Na. Die Rezeption deutschsprachiger Literatur in der Volksrepublik China 1949-1990. (MĂŒnchen : Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t, 1995). Diss. Ludwig-Maximilians-Univ., 1995. S. S. 106-109 Publication / Din10