Jahr
1980
Text
Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435].Muschg sagt im Interview mit Rolf Kieser : SelbstverstĂ€ndlich ist es kein Buch ĂŒber China, was ich versuche, sondern ein Buch ĂŒber China-Reisende.Qixuan Heuser : Eine schweizerische Delegation wird offiziell nach China eingeladen. Die Zusammensetzung der Delegation dient dem Ziel, "China aus der Sicht von Experten kennenzulernen, die ausgetretenen Pfade zu meiden". Die Begegnung mit der chinesischen Welt wird eher in der Beobachtung des einzelnen konkreten menschlichen Verhaltens als in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen dargestellt. China wird auch nicht aus der Sichtweise einer Person, sondern aus den Sichtweisen von acht Personen betrachtet, obwohl das Ganze aus der Perspektive des persönlichen Beobachters, des Ich-ErzĂ€hlers, erzĂ€hlt wird.Als Spezialisten in verschiedenen Bereichen haben die Reiseteilnehmer verschiedene Interessen an China mitgebracht, die eindeutig mit ihren verschiedenen Berufen zusammenhĂ€ngen.Der Biologe Gallus bewundert vor allem das chinesische Leben, in dem das Gesetz der Natur noch eine wichtige Rolle spielt. Was er sonst noch von China bewundert, ist Mao, "der nicht nur China zum ersten Mal in seiner Geschichte von Mangel und Hunger befreit, sondern seinem Land auch die gĂŒltigen Werte zu bewahren gewusst habe, obschon in umgestalteter Form".Gaby, die Gattin des Handelskammer-Direktors vertritt das rein touristische Interesse an China.Der BuchhĂ€ndler Jules erhofft sich offensichtlich, in China etwas Radikales und RevolutionĂ€res zu erleben.Den Entwicklungshelfer Martin interessiert, "wie der neue Kurs sich manifestiere, den die chinesische FĂŒhrung nach Maos Tod, die Kampagne gegen die Viererbande benĂŒtzend, eingeschlagen habe".Der Delegationsleiter Agronomieprofessor Stappung interessiert sich nur fĂŒr die chinesischen Landwirtschaft und ignoriert China. Was ihn ausser Arbeitsdisziplin kennzeichnet, ist seine RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber denâŠ
Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435].
Muschg sagt im Interview mit Rolf Kieser : SelbstverstĂ€ndlich ist es kein Buch ĂŒber China, was ich versuche, sondern ein Buch ĂŒber China-Reisende.
Qixuan Heuser : Eine schweizerische Delegation wird offiziell nach China eingeladen. Die Zusammensetzung der Delegation dient dem Ziel, "China aus der Sicht von Experten kennenzulernen, die ausgetretenen Pfade zu meiden". Die Begegnung mit der chinesischen Welt wird eher in der Beobachtung des einzelnen konkreten menschlichen Verhaltens als in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen dargestellt. China wird auch nicht aus der Sichtweise einer Person, sondern aus den Sichtweisen von acht Personen betrachtet, obwohl das Ganze aus der Perspektive des persönlichen Beobachters, des Ich-ErzÀhlers, erzÀhlt wird.
Als Spezialisten in verschiedenen Bereichen haben die Reiseteilnehmer verschiedene Interessen an China mitgebracht, die eindeutig mit ihren verschiedenen Berufen zusammenhÀngen.
Der Biologe Gallus bewundert vor allem das chinesische Leben, in dem das Gesetz der Natur noch eine wichtige Rolle spielt. Was er sonst noch von China bewundert, ist Mao, "der nicht nur China zum ersten Mal in seiner Geschichte von Mangel und Hunger befreit, sondern seinem Land auch die gĂŒltigen Werte zu bewahren gewusst habe, obschon in umgestalteter Form".
Gaby, die Gattin des Handelskammer-Direktors vertritt das rein touristische Interesse an China.
Der BuchhÀndler Jules erhofft sich offensichtlich, in China etwas Radikales und RevolutionÀres zu erleben.
Den Entwicklungshelfer Martin interessiert, "wie der neue Kurs sich manifestiere, den die chinesische FĂŒhrung nach Maos Tod, die Kampagne gegen die Viererbande benĂŒtzend, eingeschlagen habe".
Der Delegationsleiter Agronomieprofessor Stappung interessiert sich nur fĂŒr die chinesischen Landwirtschaft und ignoriert China. Was ihn ausser Arbeitsdisziplin kennzeichnet, ist seine RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber den chinesischen Gastgebern und den mitreisenden Landsleuten. Den Chinesen gegenĂŒber verhĂ€lt er sich wie ein "Kolonialherr". China kennenzulernen heisst fĂŒr ihn, gut informiert zu sein, wie z.B. ĂŒber die Zahlen des Produktionszuwachses.
Dem Schriftsteller Samuel gibt die Chinareise Anregungen zum Nachdenken, Philosophieren und Spekulieren. Auf der Grossen Mauer geht Samuel die symbolische Bedeutung durch den Kopf. Sie ist die Trennung zwischen dem Reich der Mitte und dem Rest der Welt, zwischen Drinnen und Draussen, Despotie und Freiheit, Osten und Westen. Er widmet seine Begeisterung dem China eines Idylls und er möchte China und die Chinesen verstehen lernen.
Der Psychologe, der Ich-ErzÀhler verhÀlt sich weder als Bewunderer noch als Kritiker von China. Ihm ist die Begegnung einer Denkweise europÀischer AusprÀgung mit der chinesischen RealitÀt stÀndig bewusst, wobei er China zwangslÀufig durch den Vergleich mit den europÀischen VerhÀltnissen zu verstehen versucht. So wie er keinen Zugang zum Leben der Arbeiter findet, verstehen die Chinesen nichts von dem Beruf des Psychotherapeuten.
Durch die Gaby-Szene kommt der Ich-ErzĂ€hler noch auf einen anderen Unterschied zwischen Chinesen und EuropĂ€ern. Die AgressivitĂ€t zwischen Gaby und Paul als der Ausbruch der Spannung in der Gruppe demonstriert die UnfĂ€higkeit der EuropĂ€er, Gruppen zu bilden. Die Individualisierung als eine Folge der westlichen Zivilisation beherrscht die Lebens- und Denkweise der Menschen. Das Individuum ist der Mittelpunkt seines Handelns. Dazu sieht er in China ein Gegenbild. Die Gruppe spielt in der chinesischen gesellschaftlichen Struktur eine wichtige Rolle. Der Ich-ErzĂ€hler sucht in China nach Problemen, wobei er sich nur Probleme vorstellen kann, die er vom eigenen europĂ€ischen Kulturkreis her kennt, wie z.B. Depressionen, HomosexualitĂ€t. Dass diese Wörter fĂŒr die unwissenden Chinesen einer AufklĂ€rung bedĂŒrfen, lassen ihn verzweifeln. Der Ich-ErzĂ€hler distanziert sich von der Rolle des beurteilenden Experten, er reagiert nicht nur passiv auf China, sondern er probiert, sich und die eigenen Landsleute auch umgekehrt aus der chinesischen Sicht zu sehen. Er hĂ€lt sich und den Landsleuten nicht nur China als Spiegel entgegen, in welchem er diese anders sehen kann, sondern er versucht auch die subjektive ErklĂ€rung der wahrgenommenen chinesischen RealitĂ€t zu relativieren, um beim Bewusstsein zu bleiben, dass man beim Beurteilen der anderen VerhĂ€ltnisse ganz andere gesellschaftliche Normen berĂŒcksichtigen soll. Folgerichtig kommt zwischen die spontanen EindrĂŒcke und deren willkĂŒrliche Lenkung immer wieder der eigene Zweifel an dem eigenen VerstĂ€ndnis des Wahrgenommenen ĂŒberhaupt. Deshalb betont er : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht. Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger".
Dieses Bewusstsein der eigenen Grenze gebietet ihm, in den GedankenĂ€usserungen ĂŒber China ĂŒberall Vorsicht und RĂŒcksicht walten zu lassen, vor allem Vorsicht vor den Fehlinterpretationen und RĂŒcksicht auf das Anderssein.
In einem Interview mit Rolf Kieser sagt Muschg : "China und Japan machen es einem viel leichter, ein Buch zu schreiben, weil dort die Staffage, die Kulisse, das Befremdende mitspielt und dem Stoff zugute kommt, ihm einen Reiz hinzufĂŒgt, den man nicht erfinden kann".
Gao Yunfei : Obwohl der Roman auf einem chinesischen Hintergrund spielt, oder gerade weil der Roman auf dem fremden Boden spielt, wird das Problem des "unzureichenden Kontakes der Figuren zu sich selbst und zueinander" hervorgehoben. Die Begegnung mit der Fremde wird den China-Reisenden zum PrĂŒfstein fĂŒr ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Die chinesische Reiseorganisation sorgt fĂŒr eine glatte Abwicklung des Besuchsprogramms. Die China-Reisenden streiten sich, lassen sich jedoch von den Chinesen vom SĂŒden nach Norden, von Landkommunen in die Industrie, von SehenswĂŒrdigkeiten zu Kulturabenden durch China fĂŒhren. In der letzten Station, wenige Tage vor der Abreise, stirbt der Delegationsleiter Hugo Stappung. Hier beginnt die Geschichte und wird in RĂŒckblenden aufgezeichnet.
Bevor die China-Reisenden direkt mit China, dem Ă€usseren, kulturrĂ€umlichen Fremden konfrontiert werden, sind sie dem eigenen Fremden gegenĂŒbergestellt. Muschg lĂ€sst seine Figuren fĂŒr sich sprechen, indem er sie mit immer neuen Situationen konfrontiert. Der Tod hat alle Figuren in Bewegung gesetzt. Die Beziehungen der Ăberlebenden zueinander, zu den Chinesen, und nicht zuletzt zum Toten, werden in Frage gestellt. Es entsteht eine allgemeine Entfremdung, die Kommunikation und VerstĂ€ndigung der Menschen miteinander wird unmöglich. Ein GesprĂ€ch, eine scheinbar naive Frage oder eine harmlose Bemerkung eines Chinesen machen die China-Reisenden schon nachdenklich ĂŒber das Eigene und umgekehrt stossen eine ErklĂ€rung, eine ernste Frage der China-Reisendan an die Chinesen auf UnverstĂ€ndnis.
Stappung, der unfĂ€hig zur Kommunikation ist, meint er sei der Einzige der Reisegruppe, der China versteht. Er ist immer auf der Jagd nach Zahlen fĂŒr seine BĂŒcher ĂŒber China und meint aus "Erfahrung", "dass man mit den Chinesen deutlich und bestimmt sein mĂŒsse". Der Schriftsteller Samuel beschĂ€ftigt sich mit einem mehr abstrakten Chinabild. Das China von Gallus ist fĂŒr ihn ein Paradies, er verklĂ€rt alles in China oder krempelt das Fremde nach eingenem Muster um. Er ist und bleibt ein Verehrer von Mao Zedong. Der BuchhĂ€ndler Jules geht davon aus, dass China einfach nichts Falsches machen kann. Sein Lob am neuen China ist von der chinesischen RealitĂ€t weit entfernt. Gallus und Jules sehen auch keine Notwendigkeit, ihre Bilder von China zu Ă€ndern, sie glauben noch eher an ihre BestĂ€tigung und wollen nicht aus dem schönen Chinatraum erwachen. Martin ist auf der Suche nach der Wahrheit nach China gekommen. Er will wissen, wie es wĂ€hrend der Kulturrevolution ausgesehen hat und wie die heutige Situation aussieht. Die China-Reise von Bernhard, dem ErzĂ€hler und Gaby war ursprĂŒnglich eher die Flucht aus einer unglĂŒcklichen Ehe. Anders als Bernhard, der mit kĂŒhlem Kopf und grosser Aufmerksamkeit alles beobachtet und kommentiert, hat Gaby von Anfang an kein Interesse fĂŒr China. China ist nur soweit fĂŒr sie interessant, weil es "weit genug weg von ihrem Mann ist".
Der Roman ist eine BeschĂ€ftigung mit dem Eigenen in der Konfrontation mit der Fremde. Das Fremde dient als Kontrastmittel zum Erhellen des Eigenen, als Anregung zur Selbsterfahrung. Das Fremde wird ein Spiegel des Eigenen : Die eigene Menschlichkeit wird in der Interaktion mit der Fremde getestet ; die Selbsterfahrung wird auf dem Hintergrund des Fremden projiziert ; der erste Schritt zur SelbsterlĂ€uterung wird mit Hilfe der Fremde getan. Muschg hat ein lebendiges, glaubwĂŒrdiges Bild des heutigen China vermittelt.
Adrian Hsia : Muschg lĂ€sst China sich selbst darstellen, aus der Sicht einer offiziellen oder offiziösen Delegation, die das Land bereist. Darin liegt die StĂ€rke und vielleicht auch die SchwĂ€che dieses Romans. Von grossem Interesse sind die Mitglieder der Delegation, die Charaktere des Romans, die in ihrem Bezug zu China dargestellt werden. Fast alle reprĂ€sentativen europĂ€ischen Perspektiven China gegenĂŒber sind in den Charakteren vertreten⊠Alle finden ihre Ansichten ĂŒber China wĂ€hrend ihres China-Aufenthalts bestĂ€tigt. Muschg stellt die Chinesen als normale Menschen dar und die von einigen Charakteren vorgenommene Projektion des unheimlichen und undurchsichtigen Chinesentums wird als Vorurteil entlarvt. Ausserdem erweist sich eine VerstĂ€ndigung mit den Chinesen trotz der Sprachschwierigkeiten sogar bei einer kurzen Reise als möglich.
Thomas Lange : Der Roman betrifft die europĂ€isch-chinesische Konfrontation. Was EurpĂ€er ĂŒber China mutmassen, sind immer auch Vermutungen ĂŒber die EuropĂ€er. China tritt als das âandereâ dem Besucher fast tautologisch entgegen. Ein GesprĂ€ch auf der Grossen Mauer : âHier China. Dort drĂŒben alles andere. Das Reich der Mitte. Und der Rest der Welt : Randgebiet⊠Es gibt nur einen Grund, drinnnen zu bleiben, einen einzigen. â NĂ€mlich ? Wenn man Chinese ist, sagt Samuel.
Bodo Plachta : Odyssee eines Kongressteilnehmers zwischen Flugplatz, Hotel und deutscher Botschaft in Beijing, ohne dass er sein Reiseziel, die Teilnahme an einem Konfuzius-Kongress erreicht. Er meint : âĂberdies verbot sich eine novellistische Behandlung meines Lebens in Peking ja schon deshalb von selber, weil ich genaugenommen ausser einem Blick aus dem Fenster nichts von Peking gesehen hatte, was einer ausschmĂŒckenden Beschreibung wert gewesen wĂ€re, und auch die Fahrt durch die nĂ€chtliche Hauptstadt hĂ€tte bestenfalls fĂŒr ein paar beilĂ€ufige Bemerkungen zur Illustration des atmosphĂ€rischen Hintergrunds getaugtâ.
KrĂŒgers ErzĂ€hlung dokumentiert die Stationen einer Flucht, deren Ungewolltheit vom Ich-ErzĂ€hler zwar mehrfach beteuert wird, deren Inszenierung aber unter einer von Obsessionen und Wahnvorstellungen zusammenbrechende Dramaturgie zur banalen Parodie auf vergleichbare literarische VorwĂŒrfe zu verkommen droht. Der eigentliche Anlass der Reise, die Einladung der chinesischen Akademie zu einem Vortrag auf einem internationalen Konfuzius-Kongress, setzt einen Prozess von tatsĂ€chlichen und phantasierten Ereignissen und Verwicklungen in Gang, der anfangs noch eine Lösung aus den heimatlichen sozialen Bindungen verspricht. Die lĂ€uternde Wirkung der Ferne aber wird ĂŒberschĂ€tzt, im Endeffekt werden die sozialen und kommunikativen Defizite des Ich-ErzĂ€hlers noch vergrössert, er selbst mehr und mehr isoliert, so dass er seine Umgebung schliesslich als âFolterkrammerâ und âZwingerâ wahrnimmtâŠ
In der ErzĂ€hlung werden nur zwei genau lokalisierbare Ărtlichkeiten erwĂ€hnt, die exemplarisch das landlĂ€ufige China-Bild reprĂ€sentieren : zum einen der Platz des Himmlischen Friedens in Peking mit Fahrradgewirr, Lampenmasten und LautsprecherkrĂ€nzen, bunten Fahnen sowie dem Bild Mao Zedongs am Eingangstor zur Verbotenen Stadt, und zum anderen die GrĂ€ber der Ming-Dynastie. Dieses kulissenhafte China-Bild setzt sich fort in den ebenso plakativen GegenĂŒberstellungen vom âmodernen Chinaâ und dem âwahren ChinaââŠ
Die Pekinger Erlebnisse werden durch ein Tagebuch und durch NotizbĂŒcher dokumentiert : âEs lag ein Nachmittag hinter mir, dessen letztes Drittel ich darauf verwendet hatte, all die chinesischen Ungereimtheiten in meinem Tagebuch, alle offenen, spĂ€ter zu klĂ€renden Fragen in das grĂŒne, alle theoretischen Exkurs in das schwarze Notizbuch einzutragen⊠wĂ€hrend das Tagbuch dazu herhalten musste, einen schematischen Grundriss der Ereignisse in Peking in zeitlicher Folge aufzunehmen, der es mir spĂ€ter einmal ermöglichen sollte, die Dinge aus meiner Sicht zu rekonstruieren, falls dies â etwa vor Gericht â gewĂŒnscht wĂŒrdeâ.
Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435].
(Grass, GĂŒnter. Kopfgeburten [ID D13800]).
Horst Denkler : Beide ErzĂ€hlungen knĂŒpfen an eine kurzfristige Rundreise ihrer Autoren durch die Volksrepublik China an, verzeichnen AugenblickseindrĂŒcke wie HupenlĂ€rm, Radfahrerdschungel, Geruchsoffensive und Ă€ussern VerblĂŒffung ĂŒber augenscheinliche WidersprĂŒche zwischen chinesischem Kulturstolz und Vorliebe fĂŒr das Neue, chinesischem Traditionsbewusstsein und utopischer Perspektive. Beide demonstrieren, wie die zugereisten Romanpersonen politische Peinlichkeitsschwellen ĂŒberschreiten und ideologische Tabuzonen verletzten, indem sie sich zum Beispiel fĂŒr die Kulturrevolution begeistern oder auf Entmaoisierung drĂ€ngen ; beide enthĂŒllen, dass die EuropĂ€er (besonders die Deutschen) dazu neigen, ihre eigenen Probleme, Konflikte, Neurosen bei den Chinesen zu suchen, das "Unmögliche und UnnatĂŒrliche" zu fragen, im zwischenmenschlichen Verkehr das Gesicht zu verlieren und sich lĂ€cherlich zu machen. Und beide gestehen die Begrenztheit der geschilderten EindrĂŒcke, die ZufĂ€lligkeit der beschriebenen Erlebnisse, die FragwĂŒrdigkeit der gewagten Aussagen freimĂŒtig ein. Muschg schreibt : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht... Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger. Grass schreibt : "Wir konnten unsere deutschen RĂŒckstĂ€nde nicht loswerden". Doch obwohl sich weder Muschg noch Grass ĂŒber die OberflĂ€chlichkeit ihres China-Bildes hinwegtĂ€uschten und sich beide vor falschen SchlĂŒssen zu hĂŒten suchten, mit denen sie die chinesischen Gastgeber krĂ€nken könnten, ist jedem eine Taktlosigkeit unterlaufen, die sich nur aus der begrenzten Perspektive des Touristen und dem unbegrenzten Gestaltungs- und Wirkungswillen des Literaten erklĂ€ren lĂ€sst... Muschg lĂ€sst PietĂ€t und politischen SpĂŒrsinn vermissen, Grass mangelt es an MitgefĂŒhl und sozialer SensibilitĂ€t. Beide haben sich genommen, was sie gebrauchen konnten, um ihre eigenen Ausdrucks- und SchaffensbedĂŒrfnisse zu befriedigen.
Muschg sagt im Interview mit Rolf Kieser : SelbstverstĂ€ndlich ist es kein Buch ĂŒber China, was ich versuche, sondern ein Buch ĂŒber China-Reisende.
Qixuan Heuser : Eine schweizerische Delegation wird offiziell nach China eingeladen. Die Zusammensetzung der Delegation dient dem Ziel, "China aus der Sicht von Experten kennenzulernen, die ausgetretenen Pfade zu meiden". Die Begegnung mit der chinesischen Welt wird eher in der Beobachtung des einzelnen konkreten menschlichen Verhaltens als in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen dargestellt. China wird auch nicht aus der Sichtweise einer Person, sondern aus den Sichtweisen von acht Personen betrachtet, obwohl das Ganze aus der Perspektive des persönlichen Beobachters, des Ich-ErzÀhlers, erzÀhlt wird.
Als Spezialisten in verschiedenen Bereichen haben die Reiseteilnehmer verschiedene Interessen an China mitgebracht, die eindeutig mit ihren verschiedenen Berufen zusammenhÀngen.
Der Biologe Gallus bewundert vor allem das chinesische Leben, in dem das Gesetz der Natur noch eine wichtige Rolle spielt. Was er sonst noch von China bewundert, ist Mao, "der nicht nur China zum ersten Mal in seiner Geschichte von Mangel und Hunger befreit, sondern seinem Land auch die gĂŒltigen Werte zu bewahren gewusst habe, obschon in umgestalteter Form".
Gaby, die Gattin des Handelskammer-Direktors vertritt das rein touristische Interesse an China.
Der BuchhÀndler Jules erhofft sich offensichtlich, in China etwas Radikales und RevolutionÀres zu erleben.
Den Entwicklungshelfer Martin interessiert, "wie der neue Kurs sich manifestiere, den die chinesische FĂŒhrung nach Maos Tod, die Kampagne gegen die Viererbande benĂŒtzend, eingeschlagen habe".
Der Delegationsleiter Agronomieprofessor Stappung interessiert sich nur fĂŒr die chinesischen Landwirtschaft und ignoriert China. Was ihn ausser Arbeitsdisziplin kennzeichnet, ist seine RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber den chinesischen Gastgebern und den mitreisenden Landsleuten. Den Chinesen gegenĂŒber verhĂ€lt er sich wie ein "Kolonialherr". China kennenzulernen heisst fĂŒr ihn, gut informiert zu sein, wie z.B. ĂŒber die Zahlen des Produktionszuwachses.
Dem Schriftsteller Samuel gibt die Chinareise Anregungen zum Nachdenken, Philosophieren und Spekulieren. Auf der Grossen Mauer geht Samuel die symbolische Bedeutung durch den Kopf. Sie ist die Trennung zwischen dem Reich der Mitte und dem Rest der Welt, zwischen Drinnen und Draussen, Despotie und Freiheit, Osten und Westen. Er widmet seine Begeisterung dem China eines Idylls und er möchte China und die Chinesen verstehen lernen.
Der Psychologe, der Ich-ErzÀhler verhÀlt sich weder als Bewunderer noch als Kritiker von China. Ihm ist die Begegnung einer Denkweise europÀischer AusprÀgung mit der chinesischen RealitÀt stÀndig bewusst, wobei er China zwangslÀufig durch den Vergleich mit den europÀischen VerhÀltnissen zu verstehen versucht. So wie er keinen Zugang zum Leben der Arbeiter findet, verstehen die Chinesen nichts von dem Beruf des Psychotherapeuten.
Durch die Gaby-Szene kommt der Ich-ErzĂ€hler noch auf einen anderen Unterschied zwischen Chinesen und EuropĂ€ern. Die AgressivitĂ€t zwischen Gaby und Paul als der Ausbruch der Spannung in der Gruppe demonstriert die UnfĂ€higkeit der EuropĂ€er, Gruppen zu bilden. Die Individualisierung als eine Folge der westlichen Zivilisation beherrscht die Lebens- und Denkweise der Menschen. Das Individuum ist der Mittelpunkt seines Handelns. Dazu sieht er in China ein Gegenbild. Die Gruppe spielt in der chinesischen gesellschaftlichen Struktur eine wichtige Rolle. Der Ich-ErzĂ€hler sucht in China nach Problemen, wobei er sich nur Probleme vorstellen kann, die er vom eigenen europĂ€ischen Kulturkreis her kennt, wie z.B. Depressionen, HomosexualitĂ€t. Dass diese Wörter fĂŒr die unwissenden Chinesen einer AufklĂ€rung bedĂŒrfen, lassen ihn verzweifeln. Der Ich-ErzĂ€hler distanziert sich von der Rolle des beurteilenden Experten, er reagiert nicht nur passiv auf China, sondern er probiert, sich und die eigenen Landsleute auch umgekehrt aus der chinesischen Sicht zu sehen. Er hĂ€lt sich und den Landsleuten nicht nur China als Spiegel entgegen, in welchem er diese anders sehen kann, sondern er versucht auch die subjektive ErklĂ€rung der wahrgenommenen chinesischen RealitĂ€t zu relativieren, um beim Bewusstsein zu bleiben, dass man beim Beurteilen der anderen VerhĂ€ltnisse ganz andere gesellschaftliche Normen berĂŒcksichtigen soll. Folgerichtig kommt zwischen die spontanen EindrĂŒcke und deren willkĂŒrliche Lenkung immer wieder der eigene Zweifel an dem eigenen VerstĂ€ndnis des Wahrgenommenen ĂŒberhaupt. Deshalb betont er : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht. Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger".
Dieses Bewusstsein der eigenen Grenze gebietet ihm, in den GedankenĂ€usserungen ĂŒber China ĂŒberall Vorsicht und RĂŒcksicht walten zu lassen, vor allem Vorsicht vor den Fehlinterpretationen und RĂŒcksicht auf das Anderssein.
In einem Interview mit Rolf Kieser sagt Muschg : "China und Japan machen es einem viel leichter, ein Buch zu schreiben, weil dort die Staffage, die Kulisse, das Befremdende mitspielt und dem Stoff zugute kommt, ihm einen Reiz hinzufĂŒgt, den man nicht erfinden kann".
Gao Yunfei : Obwohl der Roman auf einem chinesischen Hintergrund spielt, oder gerade weil der Roman auf dem fremden Boden spielt, wird das Problem des "unzureichenden Kontakes der Figuren zu sich selbst und zueinander" hervorgehoben. Die Begegnung mit der Fremde wird den China-Reisenden zum PrĂŒfstein fĂŒr ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Die chinesische Reiseorganisation sorgt fĂŒr eine glatte Abwicklung des Besuchsprogramms. Die China-Reisenden streiten sich, lassen sich jedoch von den Chinesen vom SĂŒden nach Norden, von Landkommunen in die Industrie, von SehenswĂŒrdigkeiten zu Kulturabenden durch China fĂŒhren. In der letzten Station, wenige Tage vor der Abreise, stirbt der Delegationsleiter Hugo Stappung. Hier beginnt die Geschichte und wird in RĂŒckblenden aufgezeichnet.
Bevor die China-Reisenden direkt mit China, dem Ă€usseren, kulturrĂ€umlichen Fremden konfrontiert werden, sind sie dem eigenen Fremden gegenĂŒbergestellt. Muschg lĂ€sst seine Figuren fĂŒr sich sprechen, indem er sie mit immer neuen Situationen konfrontiert. Der Tod hat alle Figuren in Bewegung gesetzt. Die Beziehungen der Ăberlebenden zueinander, zu den Chinesen, und nicht zuletzt zum Toten, werden in Frage gestellt. Es entsteht eine allgemeine Entfremdung, die Kommunikation und VerstĂ€ndigung der Menschen miteinander wird unmöglich. Ein GesprĂ€ch, eine scheinbar naive Frage oder eine harmlose Bemerkung eines Chinesen machen die China-Reisenden schon nachdenklich ĂŒber das Eigene und umgekehrt stossen eine ErklĂ€rung, eine ernste Frage der China-Reisendan an die Chinesen auf UnverstĂ€ndnis.
Stappung, der unfĂ€hig zur Kommunikation ist, meint er sei der Einzige der Reisegruppe, der China versteht. Er ist immer auf der Jagd nach Zahlen fĂŒr seine BĂŒcher ĂŒber China und meint aus "Erfahrung", "dass man mit den Chinesen deutlich und bestimmt sein mĂŒsse". Der Schriftsteller Samuel beschĂ€ftigt sich mit einem mehr abstrakten Chinabild. Das China von Gallus ist fĂŒr ihn ein Paradies, er verklĂ€rt alles in China oder krempelt das Fremde nach eingenem Muster um. Er ist und bleibt ein Verehrer von Mao Zedong. Der BuchhĂ€ndler Jules geht davon aus, dass China einfach nichts Falsches machen kann. Sein Lob am neuen China ist von der chinesischen RealitĂ€t weit entfernt. Gallus und Jules sehen auch keine Notwendigkeit, ihre Bilder von China zu Ă€ndern, sie glauben noch eher an ihre BestĂ€tigung und wollen nicht aus dem schönen Chinatraum erwachen. Martin ist auf der Suche nach der Wahrheit nach China gekommen. Er will wissen, wie es wĂ€hrend der Kulturrevolution ausgesehen hat und wie die heutige Situation aussieht. Die China-Reise von Bernhard, dem ErzĂ€hler und Gaby war ursprĂŒnglich eher die Flucht aus einer unglĂŒcklichen Ehe. Anders als Bernhard, der mit kĂŒhlem Kopf und grosser Aufmerksamkeit alles beobachtet und kommentiert, hat Gaby von Anfang an kein Interesse fĂŒr China. China ist nur soweit fĂŒr sie interessant, weil es "weit genug weg von ihrem Mann ist".
Der Roman ist eine BeschĂ€ftigung mit dem Eigenen in der Konfrontation mit der Fremde. Das Fremde dient als Kontrastmittel zum Erhellen des Eigenen, als Anregung zur Selbsterfahrung. Das Fremde wird ein Spiegel des Eigenen : Die eigene Menschlichkeit wird in der Interaktion mit der Fremde getestet ; die Selbsterfahrung wird auf dem Hintergrund des Fremden projiziert ; der erste Schritt zur SelbsterlĂ€uterung wird mit Hilfe der Fremde getan. Muschg hat ein lebendiges, glaubwĂŒrdiges Bild des heutigen China vermittelt.
Adrian Hsia : Muschg lĂ€sst China sich selbst darstellen, aus der Sicht einer offiziellen oder offiziösen Delegation, die das Land bereist. Darin liegt die StĂ€rke und vielleicht auch die SchwĂ€che dieses Romans. Von grossem Interesse sind die Mitglieder der Delegation, die Charaktere des Romans, die in ihrem Bezug zu China dargestellt werden. Fast alle reprĂ€sentativen europĂ€ischen Perspektiven China gegenĂŒber sind in den Charakteren vertreten⊠Alle finden ihre Ansichten ĂŒber China wĂ€hrend ihres China-Aufenthalts bestĂ€tigt. Muschg stellt die Chinesen als normale Menschen dar und die von einigen Charakteren vorgenommene Projektion des unheimlichen und undurchsichtigen Chinesentums wird als Vorurteil entlarvt. Ausserdem erweist sich eine VerstĂ€ndigung mit den Chinesen trotz der Sprachschwierigkeiten sogar bei einer kurzen Reise als möglich.
Thomas Lange : Der Roman betrifft die europĂ€isch-chinesische Konfrontation. Was EurpĂ€er ĂŒber China mutmassen, sind immer auch Vermutungen ĂŒber die EuropĂ€er. China tritt als das âandereâ dem Besucher fast tautologisch entgegen. Ein GesprĂ€ch auf der Grossen Mauer : âHier China. Dort drĂŒben alles andere. Das Reich der Mitte. Und der Rest der Welt : Randgebiet⊠Es gibt nur einen Grund, drinnnen zu bleiben, einen einzigen. â NĂ€mlich ? Wenn man Chinese ist, sagt Samuel.
Bodo Plachta : Odyssee eines Kongressteilnehmers zwischen Flugplatz, Hotel und deutscher Botschaft in Beijing, ohne dass er sein Reiseziel, die Teilnahme an einem Konfuzius-Kongress erreicht. Er meint : âĂberdies verbot sich eine novellistische Behandlung meines Lebens in Peking ja schon deshalb von selber, weil ich genaugenommen ausser einem Blick aus dem Fenster nichts von Peking gesehen hatte, was einer ausschmĂŒckenden Beschreibung wert gewesen wĂ€re, und auch die Fahrt durch die nĂ€chtliche Hauptstadt hĂ€tte bestenfalls fĂŒr ein paar beilĂ€ufige Bemerkungen zur Illustration des atmosphĂ€rischen Hintergrunds getaugtâ.
KrĂŒgers ErzĂ€hlung dokumentiert die Stationen einer Flucht, deren Ungewolltheit vom Ich-ErzĂ€hler zwar mehrfach beteuert wird, deren Inszenierung aber unter einer von Obsessionen und Wahnvorstellungen zusammenbrechende Dramaturgie zur banalen Parodie auf vergleichbare literarische VorwĂŒrfe zu verkommen droht. Der eigentliche Anlass der Reise, die Einladung der chinesischen Akademie zu einem Vortrag auf einem internationalen Konfuzius-Kongress, setzt einen Prozess von tatsĂ€chlichen und phantasierten Ereignissen und Verwicklungen in Gang, der anfangs noch eine Lösung aus den heimatlichen sozialen Bindungen verspricht. Die lĂ€uternde Wirkung der Ferne aber wird ĂŒberschĂ€tzt, im Endeffekt werden die sozialen und kommunikativen Defizite des Ich-ErzĂ€hlers noch vergrössert, er selbst mehr und mehr isoliert, so dass er seine Umgebung schliesslich als âFolterkrammerâ und âZwingerâ wahrnimmtâŠ
In der ErzĂ€hlung werden nur zwei genau lokalisierbare Ărtlichkeiten erwĂ€hnt, die exemplarisch das landlĂ€ufige China-Bild reprĂ€sentieren : zum einen der Platz des Himmlischen Friedens in Peking mit Fahrradgewirr, Lampenmasten und LautsprecherkrĂ€nzen, bunten Fahnen sowie dem Bild Mao Zedongs am Eingangstor zur Verbotenen Stadt, und zum anderen die GrĂ€ber der Ming-Dynastie. Dieses kulissenhafte China-Bild setzt sich fort in den ebenso plakativen GegenĂŒberstellungen vom âmodernen Chinaâ und dem âwahren ChinaââŠ
Die Pekinger Erlebnisse werden durch ein Tagebuch und durch NotizbĂŒcher dokumentiert : âEs lag ein Nachmittag hinter mir, dessen letztes Drittel ich darauf verwendet hatte, all die chinesischen Ungereimtheiten in meinem Tagebuch, alle offenen, spĂ€ter zu klĂ€renden Fragen in das grĂŒne, alle theoretischen Exkurs in das schwarze Notizbuch einzutragen⊠wĂ€hrend das Tagbuch dazu herhalten musste, einen schematischen Grundriss der Ereignisse in Peking in zeitlicher Folge aufzunehmen, der es mir spĂ€ter einmal ermöglichen sollte, die Dinge aus meiner Sicht zu rekonstruieren, falls dies â etwa vor Gericht â gewĂŒnscht wĂŒrdeâ.
Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435].
(Grass, GĂŒnter. Kopfgeburten [ID D13800]).
Horst Denkler : Beide ErzĂ€hlungen knĂŒpfen an eine kurzfristige Rundreise ihrer Autoren durch die Volksrepublik China an, verzeichnen AugenblickseindrĂŒcke wie HupenlĂ€rm, Radfahrerdschungel, Geruchsoffensive und Ă€ussern VerblĂŒffung ĂŒber augenscheinliche WidersprĂŒche zwischen chinesischem Kulturstolz und Vorliebe fĂŒr das Neue, chinesischem Traditionsbewusstsein und utopischer Perspektive. Beide demonstrieren, wie die zugereisten Romanpersonen politische Peinlichkeitsschwellen ĂŒberschreiten und ideologische Tabuzonen verletzten, indem sie sich zum Beispiel fĂŒr die Kulturrevolution begeistern oder auf Entmaoisierung drĂ€ngen ; beide enthĂŒllen, dass die EuropĂ€er (besonders die Deutschen) dazu neigen, ihre eigenen Probleme, Konflikte, Neurosen bei den Chinesen zu suchen, das "Unmögliche und UnnatĂŒrliche" zu fragen, im zwischenmenschlichen Verkehr das Gesicht zu verlieren und sich lĂ€cherlich zu machen. Und beide gestehen die Begrenztheit der geschilderten EindrĂŒcke, die ZufĂ€lligkeit der beschriebenen Erlebnisse, die FragwĂŒrdigkeit der gewagten Aussagen freimĂŒtig ein. Muschg schreibt : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht... Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger. Grass schreibt : "Wir konnten unsere deutschen RĂŒckstĂ€nde nicht loswerden". Doch obwohl sich weder Muschg noch Grass ĂŒber die OberflĂ€chlichkeit ihres China-Bildes hinwegtĂ€uschten und sich beide vor falschen SchlĂŒssen zu hĂŒten suchten, mit denen sie die chinesischen Gastgeber krĂ€nken könnten, ist jedem eine Taktlosigkeit unterlaufen, die sich nur aus der begrenzten Perspektive des Touristen und dem unbegrenzten Gestaltungs- und Wirkungswillen des Literaten erklĂ€ren lĂ€sst... Muschg lĂ€sst PietĂ€t und politischen SpĂŒrsinn vermissen, Grass mangelt es an MitgefĂŒhl und sozialer SensibilitĂ€t. Beide haben sich genommen, was sie gebrauchen konnten, um ihre eigenen Ausdrucks- und SchaffensbedĂŒrfnisse zu befriedigen.
ErwÀhnte Personen (1)
Themengebiete (1)
- Literatur âș Westen âș Schweiz
Dokumente (4)
| Jahr | Bibliografische Daten | Typ / AbkĂŒrzung | VerknĂŒpfte Daten |
|---|---|---|---|
| 1986 | Lange, Thomas. China als Metapher : Versuch ĂŒber das Chinabild des deutschen Romans im 20. Jahrhundert. In : Zeitschrift fĂŒr Kulturaustausch ; H. 3 (1986). | Publication / Lange1 | |
| 1987 | Denkler, Horst. Von chinesischen Pferden und deutschen Missionaren : China in der deutschen Literatur : deutsche Literatur fĂŒr China. In : German quarterly ; vol. 60, no 3 (1987). | Publication / Den1 |
|
| 1990 | Hsia, Adrian. Chinesien - Zur Typologie des anderen China in der deutschen Literatur mit besonderer BerĂŒcksichtigung des 20. Jahrhunderts. In : Arcadia ; Bd. 25, H. 1 (1990). S. S. 55-56 | Publication / Hsia12 | |
| 1996 |
Heuser, Qixuan. Das China-Bild in der deutschsprachigen Literatur der achtziger Jahre : die neuen Rezeptionsformen und Rezeptionshaltungen. (Freiburg, Schweiz : UniversitĂ€t Freiburg, 1996). Diss.âŠ
S. S. 23-35
Heuser, Qixuan. Das China-Bild in der deutschsprachigen Literatur der achtziger Jahre : die neuen Rezeptionsformen und Rezeptionshaltungen. (Freiburg, Schweiz : UniversitÀt Freiburg, 1996). Diss. Univ. Freiburg, 1996.
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Publication / Heus1 |
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