Jahr
1980
Text
Grass, GĂŒnter. Kopfgeburten [ID D13800].(Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435]).Qixuan Heuser : Als "China-Roman" mag in dem Buch von Grass wenig direkt von China die Rede sein. Zum einen besteht das Buch aus zwei Geschichten, der Geschichte der Ich-ErzĂ€hlers und der seiner Filmfiguren. China kommt hauptsĂ€chlich in der ersten vor. Zum anderen legt der ErzĂ€hler allgemein den Schwerpunkt nicht auf die Darstellung Chinas, sondern auf die Bezugnahme auf China. Letzteres ist gerade die Besonderheit der China-Rezeption bei Grass. Wo die Rede von China aufhört, bleibt die Chinabezogenheit. So werden erzĂ€hltechnisch die direkte und die indirekte Chinabezogenheit in zwei Ebenen aufgeteilt : in die Ebene der erzĂ€hlten Wirklichkeit (wĂ€hrend und unmittelbar nach der Chinareise des Ich-ErzĂ€hlers), auf welcher er seine Gedanken ĂŒber das Aussterben der Deutschen als Reflexion auf das typische China-Erlebnis mit dem Fahrraddschungel spekulativ entfaltet, und in die Ebene der erzĂ€hlten Fiktion (Filmhandlung vor, wĂ€hrend und nach der Asienreise eines deutschen Lehrerpaares), auf welcher der als Drehbuchautor den Gegensatz zwischen dem deutschen Aussterben und der chinesischen Ăberbevölkerung â in einer indischen bzw. indonesischen Variation â zum Thema macht.Als Schriftsteller wird der Ich-ErzĂ€hler zu Lesungen und VortrĂ€gen nach China eingeladen, das gerade die Kulturrevolution durchgemacht hat. WĂ€hrend und neben dieser beruflichen TĂ€tigkeit gewinnt er durch den Kontakt mit den Chinesen und die eigenen Beobachtungen Einblick in das unlĂ€ngst der Welt geöffnete Land. WĂ€hrend sich der Erfahrungsaustausch mit den chinesischen Intellektuellen hauptsĂ€chlich auf das Kulturleben in China beschrĂ€nkt, hat er aus den eigenen Beobachtungen heraus ein allgemeines China-Bild skizziert : âVor allem sind die Radfahrer, die sich in Haltung und Kleidung unendlich wiederholenâ. âBeiderseits des Zuges wiederholten sich Reisterrassen. Der Nassfelderanbau. Die ausladenden,âŠ
Grass, GĂŒnter. Kopfgeburten [ID D13800].
(Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435]).
Qixuan Heuser : Als "China-Roman" mag in dem Buch von Grass wenig direkt von China die Rede sein. Zum einen besteht das Buch aus zwei Geschichten, der Geschichte der Ich-ErzĂ€hlers und der seiner Filmfiguren. China kommt hauptsĂ€chlich in der ersten vor. Zum anderen legt der ErzĂ€hler allgemein den Schwerpunkt nicht auf die Darstellung Chinas, sondern auf die Bezugnahme auf China. Letzteres ist gerade die Besonderheit der China-Rezeption bei Grass. Wo die Rede von China aufhört, bleibt die Chinabezogenheit. So werden erzĂ€hltechnisch die direkte und die indirekte Chinabezogenheit in zwei Ebenen aufgeteilt : in die Ebene der erzĂ€hlten Wirklichkeit (wĂ€hrend und unmittelbar nach der Chinareise des Ich-ErzĂ€hlers), auf welcher er seine Gedanken ĂŒber das Aussterben der Deutschen als Reflexion auf das typische China-Erlebnis mit dem Fahrraddschungel spekulativ entfaltet, und in die Ebene der erzĂ€hlten Fiktion (Filmhandlung vor, wĂ€hrend und nach der Asienreise eines deutschen Lehrerpaares), auf welcher der als Drehbuchautor den Gegensatz zwischen dem deutschen Aussterben und der chinesischen Ăberbevölkerung â in einer indischen bzw. indonesischen Variation â zum Thema macht.
Als Schriftsteller wird der Ich-ErzĂ€hler zu Lesungen und VortrĂ€gen nach China eingeladen, das gerade die Kulturrevolution durchgemacht hat. WĂ€hrend und neben dieser beruflichen TĂ€tigkeit gewinnt er durch den Kontakt mit den Chinesen und die eigenen Beobachtungen Einblick in das unlĂ€ngst der Welt geöffnete Land. WĂ€hrend sich der Erfahrungsaustausch mit den chinesischen Intellektuellen hauptsĂ€chlich auf das Kulturleben in China beschrĂ€nkt, hat er aus den eigenen Beobachtungen heraus ein allgemeines China-Bild skizziert : âVor allem sind die Radfahrer, die sich in Haltung und Kleidung unendlich wiederholenâ. âBeiderseits des Zuges wiederholten sich Reisterrassen. Der Nassfelderanbau. Die ausladenden, systemĂŒberlebenden StrohĂŒte der ĂŒberall fleissig gebĂŒckten ArbeitskrĂ€fte. Soviel Nutzen. Alles von Menschenhandâ. âDie Chinesen [essen] in aller Welt zum Mondfest jenen Mondkuchen, dessen SĂŒsse uns in Kanton [Guangzhou], Hongkong, Singapore gleich sĂŒss istâ ; âstarr, unverrĂŒckbar (und doch seit dem Baubeginn vergeblich) [kriecht] die [chinesische] Mauer in immer kĂŒhneren VerkĂŒrzungen ĂŒber BergkĂ€mmeâ.
Nur eine Kleinigkeit des aktuellen China-Bildes wird gestreift, indem der ErzĂ€hler das chinesische Motto der Vier Modernisierungen auf den aufgehĂ€ngten SpruchbĂ€ndern erwĂ€hnt, die er kaum ĂŒbersehen kann. Die Interessen des Beobachtenden fĂŒr das chinesische Gesellschaftmodell statt fĂŒr dessen einzelne Menschenschicksale, fĂŒr das relative Dauerbild statt fĂŒr das Augenblickliche sind an diesem China-Bild deutlich erkennbarâŠ
Eine Parallele zur Situation der deutschen Schriftsteller, âdie wĂ€hrend des Dritten Reiches ihre Werke in jenem Freigehege veröffentlicht haben, das ihnen die Nazis eingerĂ€umt hattenâ, sieht der ErzĂ€hler in der Lage der chinesischen Schriftsteller, âdie sich zwölf Jahre lang der Kulturrevolution, der âViererbandeâ verschrieben hatte⊠Auch ein anderes Problem der Deutschen, der Konflikt zwischen Kulturschaffenden und den Regierenden, ist den chinesischen Kollegen vertraut.
Schliesslich denkt sich der Ich-ErzĂ€hler einen Austausch der psychischen Probleme zwischen Chinesen und Deutschen als Folge der Umkehrung der Bevölkerungszahlen der beiden LĂ€nder aus. Dabei lĂ€sst er die Deutschen ihre âĂberlegenheitâ in der BewĂ€ltingung der psychischen Probleme einbĂŒssen : âUnd hĂ€tten wir Deutsche, wenn wir uns anstelle der Chinesen zu einer Milliarde ausgewachsen hĂ€tten, dann, weil um jeden vor- und ausserehelichen Lustgewinn gebracht, die nicht erkennbaren, von niemand behandelten, auf keiner Couch analysierten Komplexe und Neurosen der Chinesen, wĂ€hrend sich, stellvertretend fĂŒr uns, das auf achtzig und immer weniger Millionen schrumpfende chinesische Volk, vom Aussterben bedroht und vom Lustgewinn ĂŒbersĂ€ttigt, mit unseren deutschartigen Komplexen und Neurosen rumzuplagen hĂ€tte, also eine wachsende Zahl von Psyhiatern, von Analytikern und Therapeuten ernĂ€hren mĂŒsste.
Der Ich-ErzĂ€hler geht sachlich dem Bevölkerungsproblem Chinas nach, vor allem der grossen chinesischen, von der ganzen Welt mit Distanz und Sorge und nicht ohne VorwĂŒrfe verfolgte Kampagne der Ein-Kind-Familie. Etwas völlig UnverstĂ€ndliches ist fĂŒr ihn das Verbot des vor- und ausserehelichen Sexulalverkehrs in ChinaâŠ
Der Ich-ErzĂ€hler ĂŒbt Kritik an der deutschen journalistischen China-Rezeption : âStern- und Spiegel-Reporter zĂ€hlen MĂ€chen in Röcken, Dauerwellenköpfe, Lippenstiftspuren und Ă€hnliche Attribute westlicher LiberalitĂ€t, fotografieren sie ab, vertexten sie und lassen ihre vorgefasste Meinung zur falschen Information gerinnen. WĂ€re es nicht genauer und deshalb gerechter, das chinesische Volk und seine Gesellschaftsordnung am Zustand jener Staaten der Dritten Welt zu messen, die sich dem westlichen Liberalismus in Gestalt seines Wirtschaftssystems ausgesetzt haben und deren traurige Rekorde Landflucht und Verslumung, Raubbau und Verkarstung, UnterernĂ€hrung und Hunger, Luxus und Elend, staatliche WillkĂŒr und, alles ĂŒberragend : Korruption heissen ?â
Horst Denkler : Beide ErzĂ€hlungen knĂŒpfen an eine kurzfristige Rundreise ihrer Autoren durch die Volksrepublik China an, verzeichnen AugenblickseindrĂŒcke wie HupenlĂ€rm, Radfahrerdschungel, Geruchsoffensive und Ă€ussern VerblĂŒffung ĂŒber augenscheinliche WidersprĂŒche zwischen chinesischem Kulturstolz und Vorliebe fĂŒr das Neue, chinesischem Traditionsbewusstsein und utopischer Perspektive. Beide demonstrieren, wie die zugereisten Romanpersonen politische Peinlichkeitsschwellen ĂŒberschreiten und ideologische Tabuzonen verletzten, indem sie sich zum Beispiel fĂŒr die Kulturrevolution begeistern oder auf Entmaoisierung drĂ€ngen ; beide enthĂŒllen, dass die EuropĂ€er (besonders die Deutschen) dazu neigen, ihre eigenen Probleme, Konflikte, Neurosen bei den Chinesen zu suchen, das "Unmögliche und UnnatĂŒrliche" zu fragen, im zwischenmenschlichen Verkehr das Gesicht zu verlieren und sich lĂ€cherlich zu machen. Und beide gestehen die Begrenztheit der geschilderten EindrĂŒcke, die ZufĂ€lligkeit der beschriebenen Erlebnisse, die FragwĂŒrdigkeit der gewagten Aussagen freimĂŒtig ein. Muschg schreibt : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht... Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger. Grass schreibt : "Wir konnten unsere deutschen RĂŒckstĂ€nde nicht loswerden". Doch obwohl sich weder Muschg noch Grass ĂŒber die OberflĂ€chlichkeit ihres China-Bildes hinwegtĂ€uschten und sich beide vor falschen SchlĂŒssen zu hĂŒten suchten, mit denen sie die chinesischen Gastgeber krĂ€nken könnten, ist jedem eine Taktlosigkeit unterlaufen, die sich nur aus der begrenzten Perspektive des Touristen und dem unbegrenzten Gestaltungs- und Wirkungswillen des Literaten erklĂ€ren lĂ€sst... Muschg lĂ€sst PietĂ€t und politischen SpĂŒrsinn vermissen, Grass mangelt es an MitgefĂŒhl und sozialer SensibilitĂ€t. Beide haben sich genommen, was sie gebrauchen konnten, um ihre eigenen Ausdrucks- und SchaffensbedĂŒrfnisse zu befriedigen.
Bodo Plachta : Das Lehrerehepaar Dörte und Herm Peters wĂ€hlt unter den Reiseangeboten so lange aus, bis es ein Asien-Programm gefunden hat, das ihm seine âobjektive Urteilskraftâ garantiert und es nicht zu âĂŒblichen Touristenâ macht.
Thomas Lange : Der romanhafte Reisebericht sucht immer wieder neue AnnĂ€herungen an die chinesische Gegenwart und findet sie ĂŒberraschend darin, dass dort wie hier die MĂ€chtigen sich verĂ€chtlich ĂŒber die kritischen Schriftsteller, âdie unruhig sesshaften Nestbeschmutzerâ, Ă€ussern. âDas war nicht fremd oder zu weit weg.
(Muschg, Adolf. Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft [ID D13435]).
Qixuan Heuser : Als "China-Roman" mag in dem Buch von Grass wenig direkt von China die Rede sein. Zum einen besteht das Buch aus zwei Geschichten, der Geschichte der Ich-ErzĂ€hlers und der seiner Filmfiguren. China kommt hauptsĂ€chlich in der ersten vor. Zum anderen legt der ErzĂ€hler allgemein den Schwerpunkt nicht auf die Darstellung Chinas, sondern auf die Bezugnahme auf China. Letzteres ist gerade die Besonderheit der China-Rezeption bei Grass. Wo die Rede von China aufhört, bleibt die Chinabezogenheit. So werden erzĂ€hltechnisch die direkte und die indirekte Chinabezogenheit in zwei Ebenen aufgeteilt : in die Ebene der erzĂ€hlten Wirklichkeit (wĂ€hrend und unmittelbar nach der Chinareise des Ich-ErzĂ€hlers), auf welcher er seine Gedanken ĂŒber das Aussterben der Deutschen als Reflexion auf das typische China-Erlebnis mit dem Fahrraddschungel spekulativ entfaltet, und in die Ebene der erzĂ€hlten Fiktion (Filmhandlung vor, wĂ€hrend und nach der Asienreise eines deutschen Lehrerpaares), auf welcher der als Drehbuchautor den Gegensatz zwischen dem deutschen Aussterben und der chinesischen Ăberbevölkerung â in einer indischen bzw. indonesischen Variation â zum Thema macht.
Als Schriftsteller wird der Ich-ErzĂ€hler zu Lesungen und VortrĂ€gen nach China eingeladen, das gerade die Kulturrevolution durchgemacht hat. WĂ€hrend und neben dieser beruflichen TĂ€tigkeit gewinnt er durch den Kontakt mit den Chinesen und die eigenen Beobachtungen Einblick in das unlĂ€ngst der Welt geöffnete Land. WĂ€hrend sich der Erfahrungsaustausch mit den chinesischen Intellektuellen hauptsĂ€chlich auf das Kulturleben in China beschrĂ€nkt, hat er aus den eigenen Beobachtungen heraus ein allgemeines China-Bild skizziert : âVor allem sind die Radfahrer, die sich in Haltung und Kleidung unendlich wiederholenâ. âBeiderseits des Zuges wiederholten sich Reisterrassen. Der Nassfelderanbau. Die ausladenden, systemĂŒberlebenden StrohĂŒte der ĂŒberall fleissig gebĂŒckten ArbeitskrĂ€fte. Soviel Nutzen. Alles von Menschenhandâ. âDie Chinesen [essen] in aller Welt zum Mondfest jenen Mondkuchen, dessen SĂŒsse uns in Kanton [Guangzhou], Hongkong, Singapore gleich sĂŒss istâ ; âstarr, unverrĂŒckbar (und doch seit dem Baubeginn vergeblich) [kriecht] die [chinesische] Mauer in immer kĂŒhneren VerkĂŒrzungen ĂŒber BergkĂ€mmeâ.
Nur eine Kleinigkeit des aktuellen China-Bildes wird gestreift, indem der ErzĂ€hler das chinesische Motto der Vier Modernisierungen auf den aufgehĂ€ngten SpruchbĂ€ndern erwĂ€hnt, die er kaum ĂŒbersehen kann. Die Interessen des Beobachtenden fĂŒr das chinesische Gesellschaftmodell statt fĂŒr dessen einzelne Menschenschicksale, fĂŒr das relative Dauerbild statt fĂŒr das Augenblickliche sind an diesem China-Bild deutlich erkennbarâŠ
Eine Parallele zur Situation der deutschen Schriftsteller, âdie wĂ€hrend des Dritten Reiches ihre Werke in jenem Freigehege veröffentlicht haben, das ihnen die Nazis eingerĂ€umt hattenâ, sieht der ErzĂ€hler in der Lage der chinesischen Schriftsteller, âdie sich zwölf Jahre lang der Kulturrevolution, der âViererbandeâ verschrieben hatte⊠Auch ein anderes Problem der Deutschen, der Konflikt zwischen Kulturschaffenden und den Regierenden, ist den chinesischen Kollegen vertraut.
Schliesslich denkt sich der Ich-ErzĂ€hler einen Austausch der psychischen Probleme zwischen Chinesen und Deutschen als Folge der Umkehrung der Bevölkerungszahlen der beiden LĂ€nder aus. Dabei lĂ€sst er die Deutschen ihre âĂberlegenheitâ in der BewĂ€ltingung der psychischen Probleme einbĂŒssen : âUnd hĂ€tten wir Deutsche, wenn wir uns anstelle der Chinesen zu einer Milliarde ausgewachsen hĂ€tten, dann, weil um jeden vor- und ausserehelichen Lustgewinn gebracht, die nicht erkennbaren, von niemand behandelten, auf keiner Couch analysierten Komplexe und Neurosen der Chinesen, wĂ€hrend sich, stellvertretend fĂŒr uns, das auf achtzig und immer weniger Millionen schrumpfende chinesische Volk, vom Aussterben bedroht und vom Lustgewinn ĂŒbersĂ€ttigt, mit unseren deutschartigen Komplexen und Neurosen rumzuplagen hĂ€tte, also eine wachsende Zahl von Psyhiatern, von Analytikern und Therapeuten ernĂ€hren mĂŒsste.
Der Ich-ErzĂ€hler geht sachlich dem Bevölkerungsproblem Chinas nach, vor allem der grossen chinesischen, von der ganzen Welt mit Distanz und Sorge und nicht ohne VorwĂŒrfe verfolgte Kampagne der Ein-Kind-Familie. Etwas völlig UnverstĂ€ndliches ist fĂŒr ihn das Verbot des vor- und ausserehelichen Sexulalverkehrs in ChinaâŠ
Der Ich-ErzĂ€hler ĂŒbt Kritik an der deutschen journalistischen China-Rezeption : âStern- und Spiegel-Reporter zĂ€hlen MĂ€chen in Röcken, Dauerwellenköpfe, Lippenstiftspuren und Ă€hnliche Attribute westlicher LiberalitĂ€t, fotografieren sie ab, vertexten sie und lassen ihre vorgefasste Meinung zur falschen Information gerinnen. WĂ€re es nicht genauer und deshalb gerechter, das chinesische Volk und seine Gesellschaftsordnung am Zustand jener Staaten der Dritten Welt zu messen, die sich dem westlichen Liberalismus in Gestalt seines Wirtschaftssystems ausgesetzt haben und deren traurige Rekorde Landflucht und Verslumung, Raubbau und Verkarstung, UnterernĂ€hrung und Hunger, Luxus und Elend, staatliche WillkĂŒr und, alles ĂŒberragend : Korruption heissen ?â
Horst Denkler : Beide ErzĂ€hlungen knĂŒpfen an eine kurzfristige Rundreise ihrer Autoren durch die Volksrepublik China an, verzeichnen AugenblickseindrĂŒcke wie HupenlĂ€rm, Radfahrerdschungel, Geruchsoffensive und Ă€ussern VerblĂŒffung ĂŒber augenscheinliche WidersprĂŒche zwischen chinesischem Kulturstolz und Vorliebe fĂŒr das Neue, chinesischem Traditionsbewusstsein und utopischer Perspektive. Beide demonstrieren, wie die zugereisten Romanpersonen politische Peinlichkeitsschwellen ĂŒberschreiten und ideologische Tabuzonen verletzten, indem sie sich zum Beispiel fĂŒr die Kulturrevolution begeistern oder auf Entmaoisierung drĂ€ngen ; beide enthĂŒllen, dass die EuropĂ€er (besonders die Deutschen) dazu neigen, ihre eigenen Probleme, Konflikte, Neurosen bei den Chinesen zu suchen, das "Unmögliche und UnnatĂŒrliche" zu fragen, im zwischenmenschlichen Verkehr das Gesicht zu verlieren und sich lĂ€cherlich zu machen. Und beide gestehen die Begrenztheit der geschilderten EindrĂŒcke, die ZufĂ€lligkeit der beschriebenen Erlebnisse, die FragwĂŒrdigkeit der gewagten Aussagen freimĂŒtig ein. Muschg schreibt : "Wir hatten Phantasie, aber eine Ahnung hatten wir nicht... Von den Chinesen weiss ich jeden Tag weniger. Grass schreibt : "Wir konnten unsere deutschen RĂŒckstĂ€nde nicht loswerden". Doch obwohl sich weder Muschg noch Grass ĂŒber die OberflĂ€chlichkeit ihres China-Bildes hinwegtĂ€uschten und sich beide vor falschen SchlĂŒssen zu hĂŒten suchten, mit denen sie die chinesischen Gastgeber krĂ€nken könnten, ist jedem eine Taktlosigkeit unterlaufen, die sich nur aus der begrenzten Perspektive des Touristen und dem unbegrenzten Gestaltungs- und Wirkungswillen des Literaten erklĂ€ren lĂ€sst... Muschg lĂ€sst PietĂ€t und politischen SpĂŒrsinn vermissen, Grass mangelt es an MitgefĂŒhl und sozialer SensibilitĂ€t. Beide haben sich genommen, was sie gebrauchen konnten, um ihre eigenen Ausdrucks- und SchaffensbedĂŒrfnisse zu befriedigen.
Bodo Plachta : Das Lehrerehepaar Dörte und Herm Peters wĂ€hlt unter den Reiseangeboten so lange aus, bis es ein Asien-Programm gefunden hat, das ihm seine âobjektive Urteilskraftâ garantiert und es nicht zu âĂŒblichen Touristenâ macht.
Thomas Lange : Der romanhafte Reisebericht sucht immer wieder neue AnnĂ€herungen an die chinesische Gegenwart und findet sie ĂŒberraschend darin, dass dort wie hier die MĂ€chtigen sich verĂ€chtlich ĂŒber die kritischen Schriftsteller, âdie unruhig sesshaften Nestbeschmutzerâ, Ă€ussern. âDas war nicht fremd oder zu weit weg.
ErwÀhnte Personen (1)
Themengebiete (3)
- Literatur âș Westen âș China als Thema
- Literatur âș Westen âș Deutschland
- Literatur âș Westen âș Schweiz
Dokumente (4)
| Jahr | Bibliografische Daten | Typ / AbkĂŒrzung | VerknĂŒpfte Daten |
|---|---|---|---|
| 1986 | Lange, Thomas. China als Metapher : Versuch ĂŒber das Chinabild des deutschen Romans im 20. Jahrhundert. In : Zeitschrift fĂŒr Kulturaustausch ; H. 3 (1986). | Publication / Lange1 | |
| 1987 | Denkler, Horst. Von chinesischen Pferden und deutschen Missionaren : China in der deutschen Literatur : deutsche Literatur fĂŒr China. In : German quarterly ; vol. 60, no 3 (1987). | Publication / Den1 |
|
| 1989 | Mein Bild in deinem Auge : Exotismus und Moderne : Deutschland - China im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Wolfgang Kubin. (Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995). S. S. 166-167 | Publication / KW6 |
|
| 1996 |
Heuser, Qixuan. Das China-Bild in der deutschsprachigen Literatur der achtziger Jahre : die neuen Rezeptionsformen und Rezeptionshaltungen. (Freiburg, Schweiz : UniversitĂ€t Freiburg, 1996). Diss.âŠ
S. S. 10-22
Heuser, Qixuan. Das China-Bild in der deutschsprachigen Literatur der achtziger Jahre : die neuen Rezeptionsformen und Rezeptionshaltungen. (Freiburg, Schweiz : UniversitÀt Freiburg, 1996). Diss. Univ. Freiburg, 1996.
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Publication / Heus1 |
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