1945

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Jahr

1945

Text

Frisch, Max. Bin : oder, die Reise nach Peking [ID D3515].Adrian Hsia : Der Text erweckt beim Leser den Eindruck, dass die Zeit um zwei Jahrhunderte zurĂŒckversetzt wurde. Offensichtlich liegt Beijing im ersten Text mit seinen glĂ€nzenden DĂ€chern und Pagoden in einer auf einem Porzellan-StĂŒck gemalten Landschaft zur Zeit eines Johann Georg Hörodt. Es könnte auch dem China-Bild von Eichrodt entstammen, denn in Frischs Beijing wimmelt es von kleinen Menschen mit gelben SpitzhĂŒten und WasserverkĂ€ufern. Diese Seelen stehen still, denn die Zeit soll eine europĂ€ische Erfindung sein und im Porzellan-China unbekannt, dessen Einwohner nur davon leben, Tee zu trinken und sich gegenseitig zu verbeugen. Ausserdem ist der dickleibigste der vornehmste Chinese bei Frisch.Thomas Lange : Frisch macht die Sehnsucht nach einer Gegenwirklichkeit zum Thema seines Buches, allerdings ist diese nun ganz unpolitisch gemeint. Ausbruch aus dem Alltag, Abstreifen der sozialen Rolle sind die dominierenden Themen. Er schreibt : „In Peking, denke ich, können all solche Dinge nicht vorkommen, die jeder von uns kennt, so dass sie ihm in der Galle lieben. Hier ist es alles anders“. Diese Andersartigkeit meint, und da kommen wieder bekannte Motive ins Spiel : Musse, Frieden, Höflichkeit, Schönheit. Das chinesische Ambiente wird nur durch dekorative GegenstĂ€nde voziert : Bambus, BĂŒffel, PfirsichblĂŒte, Seide. Das Kollektivklischee von den „Ameisen“ dreht Frisch einfach um : „Ich weiss nicht, wessen Sklaven wir sind. Wir leben wie die Ameisen, drĂŒben im Abendland
 Wir nennen es die Wochentage. Das heisst, jeder Tag hat seine Nummer, und am siebten Tage lĂ€uten die Glocken ; dann muss man spazieren und ausruhen, damit man wieder von vorne beginnen kann“. Charakteristischerweise kann die Sehnsucht aber kein Ende, kann ihr Ziel nicht finden. Das Fremde entpuppt sich schliesslich als schon bekanntes Eigenes, das chinesische Haus in Peking ist vom ErzĂ€hler selbst konstruiert.Chen Huimin : Es wird in Bin nur

Frisch, Max. Bin : oder, die Reise nach Peking [ID D3515].
Adrian Hsia : Der Text erweckt beim Leser den Eindruck, dass die Zeit um zwei Jahrhunderte zurĂŒckversetzt wurde. Offensichtlich liegt Beijing im ersten Text mit seinen glĂ€nzenden DĂ€chern und Pagoden in einer auf einem Porzellan-StĂŒck gemalten Landschaft zur Zeit eines Johann Georg Hörodt. Es könnte auch dem China-Bild von Eichrodt entstammen, denn in Frischs Beijing wimmelt es von kleinen Menschen mit gelben SpitzhĂŒten und WasserverkĂ€ufern. Diese Seelen stehen still, denn die Zeit soll eine europĂ€ische Erfindung sein und im Porzellan-China unbekannt, dessen Einwohner nur davon leben, Tee zu trinken und sich gegenseitig zu verbeugen. Ausserdem ist der dickleibigste der vornehmste Chinese bei Frisch.

Thomas Lange : Frisch macht die Sehnsucht nach einer Gegenwirklichkeit zum Thema seines Buches, allerdings ist diese nun ganz unpolitisch gemeint. Ausbruch aus dem Alltag, Abstreifen der sozialen Rolle sind die dominierenden Themen. Er schreibt : „In Peking, denke ich, können all solche Dinge nicht vorkommen, die jeder von uns kennt, so dass sie ihm in der Galle lieben. Hier ist es alles anders“. Diese Andersartigkeit meint, und da kommen wieder bekannte Motive ins Spiel : Musse, Frieden, Höflichkeit, Schönheit. Das chinesische Ambiente wird nur durch dekorative GegenstĂ€nde voziert : Bambus, BĂŒffel, PfirsichblĂŒte, Seide. Das Kollektivklischee von den „Ameisen“ dreht Frisch einfach um : „Ich weiss nicht, wessen Sklaven wir sind. Wir leben wie die Ameisen, drĂŒben im Abendland
 Wir nennen es die Wochentage. Das heisst, jeder Tag hat seine Nummer, und am siebten Tage lĂ€uten die Glocken ; dann muss man spazieren und ausruhen, damit man wieder von vorne beginnen kann“.
Charakteristischerweise kann die Sehnsucht aber kein Ende, kann ihr Ziel nicht finden. Das Fremde entpuppt sich schliesslich als schon bekanntes Eigenes, das chinesische Haus in Peking ist vom ErzÀhler selbst konstruiert.

Chen Huimin : Es wird in Bin nur gezeigt, was in einem sich zerrissen fĂŒhlenden Schweizer BĂŒrger vorgeht, was er wĂŒnscht, sucht und erwartet. Der Leser wird (nicht nur) daran gehindert, sich wie in einem chinesischen Haus zu fĂŒhlen, sondern er denkt distanziert ĂŒber das auf diese verfremdende Weise Gesagte nach.
Geht Frisch hier auf die eine Traditionslinie des geistigen, positiven Chinabildes ein, so nimmt er die negativ-despotische Variante als Grundlage seiner Farce „Die chinesische Mauer“. In Übernahme von Brechts Verfremdungs- Dramaturgie (und mit AnklĂ€ngen an dessen dramatische Tui-Satire) will Frisch vor der WillkĂŒr politischer Macht, vor der Gefahr eines Atomkrieges warnen. Wie in Brechts Drama die „chinesischen“ Tugenden von Geduld und Entsagung als nĂŒtzliche Ideologie entlarvt werden, so ist fĂŒr Frisch der Kaiser Hwang-ti [Huangdi] das Urbild eines Tyrannen. Der simple Verfremdungsmechanismus wird aus chinesischer Perspektive so beschrieben : „So wie ein EuropĂ€er, der blonde Haare, blaue Augen und eine grosse Nase hat, unter den Chinesen im chinesischen Milieu ganz auffĂ€llig wirkt, sind die chinesischen Elemente dem europĂ€ischen Zuschauer auch fremd, auffĂ€llig, merkwĂŒrdig. FĂŒr die EuropĂ€er sind die Figuren das Fremde, aber was sie zeigen, ihr Handeln ist das Eigene.

ErwÀhnte Personen (1)

Themengebiete (1)

  • Literatur â€ș Westen â€ș Schweiz

Dokumente (2)

Jahr Bibliografische Daten Typ / AbkĂŒrzung VerknĂŒpfte Daten
1986 Lange, Thomas. China als Metapher : Versuch ĂŒber das Chinabild des deutschen Romans im 20. Jahrhundert. In : Zeitschrift fĂŒr Kulturaustausch ; H. 3 (1986). Publication / Lange1
1990 Hsia, Adrian. Chinesien - Zur Typologie des anderen China in der deutschen Literatur mit besonderer BerĂŒcksichtigung des 20. Jahrhunderts. In : Arcadia ; Bd. 25, H. 1 (1990). S. S. 52 Publication / Hsia12