1960

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1960

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Canetti, Elias. Masse und Macht [ID D14047].Canetti schreibt : Alle Absichten des Menschen auf Unsterblichkeit enthalten etwas von der Sucht, zu überleben. Man will nicht nur immer da sein, man will da sein, wenn andere nicht mehr da sind. Jeder will der Älteste werden und es wissen, und wenn er selbst nicht mehr da ist, soll man es von seinem Namen wissen. Die niedrigste Form des Überlebens ist die des Tötens… Am folgenreichsten ist die Ausbildung des Ahnenkultes bei den Chinesen. Um zu verstehen, was ein Ahne bei ihnen ist, muss man auf ihre Seelenvorstellung ein wenig eingehen. Sie [die Chinesen] glauben, dass jeder Mensch im Besitze von zwei Seelen sei. Die eine, po, entstand durch das Sperma und war also seit dem Augenblick der Zeugung vorhanden ; ihr wurde das Gedächtnis zugerechnet. Die andere Seele, hun, entstand durch die Luft, die nach der Geburt eingeatmet wurde, und bildete sich dann allmählich. Sie hatte die Gestalt des Körpers, den sie belebte, aber sie war unsichtbar. Die Intelligenz, die ihr zugehörte, wuchs mit ihr, es war die überlegene Seele. Nach dem Tode stieg diese Atemseele zum Himmel auf, während die Spermaseele bei der Leiche im Grabe blieb…Über das Ergebnis seiner Beschäftigung mit dem Lun yu schreibt Canetti : Es ist, von allen Zivilisationen, der einzige ernsthafte Versuch, der mir bekannt ist, die Lüsternheit des Überlebens aufzulösen. Als solchen wird man den Konfuzianismus in seinem Ursprung, all seinen späteren Entartungen zum Trotz, wenigstens in diesem Aspekt, sehr vorurteillos bedenken müssen.Gerwig Epkes : Canetti ist nicht in der Lage, sich differenziert mit China auseinanderzusetzen. So setzt er z.B. Konfuzius, Konfuzianismus und die chinesische Zivilisation gleich. Er unterstellt den Chnesen ein Triumpfgefühl beim Anblick der Toten und eine Lüsternheit des Überlebens. Er untersucht nicht ihre spezifische gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. Er rühmt das Lun yu wegen dessen Lebensfeindlichkeit, was seiner eigenen Sicht…
Canetti, Elias. Masse und Macht [ID D14047].

Canetti schreibt : Alle Absichten des Menschen auf Unsterblichkeit enthalten etwas von der Sucht, zu überleben. Man will nicht nur immer da sein, man will da sein, wenn andere nicht mehr da sind. Jeder will der Älteste werden und es wissen, und wenn er selbst nicht mehr da ist, soll man es von seinem Namen wissen. Die niedrigste Form des Überlebens ist die des Tötens… Am folgenreichsten ist die Ausbildung des Ahnenkultes bei den Chinesen. Um zu verstehen, was ein Ahne bei ihnen ist, muss man auf ihre Seelenvorstellung ein wenig eingehen. Sie [die Chinesen] glauben, dass jeder Mensch im Besitze von zwei Seelen sei. Die eine, po, entstand durch das Sperma und war also seit dem Augenblick der Zeugung vorhanden ; ihr wurde das Gedächtnis zugerechnet. Die andere Seele, hun, entstand durch die Luft, die nach der Geburt eingeatmet wurde, und bildete sich dann allmählich. Sie hatte die Gestalt des Körpers, den sie belebte, aber sie war unsichtbar. Die Intelligenz, die ihr zugehörte, wuchs mit ihr, es war die überlegene Seele. Nach dem Tode stieg diese Atemseele zum Himmel auf, während die Spermaseele bei der Leiche im Grabe blieb…
Über das Ergebnis seiner Beschäftigung mit dem Lun yu schreibt Canetti : Es ist, von allen Zivilisationen, der einzige ernsthafte Versuch, der mir bekannt ist, die Lüsternheit des Überlebens aufzulösen. Als solchen wird man den Konfuzianismus in seinem Ursprung, all seinen späteren Entartungen zum Trotz, wenigstens in diesem Aspekt, sehr vorurteillos bedenken müssen.
Gerwig Epkes : Canetti ist nicht in der Lage, sich differenziert mit China auseinanderzusetzen. So setzt er z.B. Konfuzius, Konfuzianismus und die chinesische Zivilisation gleich. Er unterstellt den Chnesen ein Triumpfgefühl beim Anblick der Toten und eine Lüsternheit des Überlebens. Er untersucht nicht ihre spezifische gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. Er rühmt das Lun yu wegen dessen Lebensfeindlichkeit, was seiner eigenen Sicht entspricht. Dabei gehen ihm weitere Einsichten in China verloren. Zudem rückt er den Reichtum der chinesischen Philosophie in ein schiefes Licht. Er verdrängt Tatsachen, die seine eigene idealisierende Wahrnehmung stören.

Chen Yun : Canetti beschäftigte sich mit dem Ahnenkult der Chinesen.

Wu Ning : Canetti schreibt von Opferzeremonien und Gedenkriten mancher Völkergruppen, bei denen man aus einem anderen Glauben, einer anderen Tradition mit dem Tod umgeht. Dort ist man der Ansicht, dass die Toten noch immer Macht über die Hinterbliebenen ausüben würden.

Ning Ying : Im alten China äusserten verschiedene Schulen ihre eigenen Meinungen über die Massen und den Machthaber. Konfuzius und Mengzi teilen die Menschen in zwei Kategorien : Die Edlen und die Nichtswürdigen. Bei Canetti wird die Masse entder als ‚ein blutgieriger Tiger’ oder als ‚ein roter Kater’ oder ‚ein halber Mensch’ bezeichnet. In China behandelt man das Problem der Masse und Macht meistens aus dem politischen und sozialen Aspekt, während Canetti es mehr aus der philosophischen, anthropologischen und psychologischen Sicht betrachtet.

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Themengebiete (2)

  • Literatur › Westen › Schweiz
  • Literatur › Westen › Österreich

Dokumente (4)

Jahr Bibliografische Daten Typ / Abkürzung Verknüpfte Daten
1992
Epkes, Gerwig. "Der Sohn hat die Mutter gefunden..." : die Wahrnehmung des Fremden in der Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel Chinas. (Würzburg : Königshausen und Neumann, 1992). (Epistemata.…
Epkes, Gerwig. "Der Sohn hat die Mutter gefunden..." : die Wahrnehmung des Fremden in der Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel Chinas. (Würzburg : Königshausen und Neumann, 1992). (Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft ; Bd. 79). Diss. Univ. Freiburg i.B., 1990.
S. S. 122, 138, 140
Publication / Epk
1992 Fernöstliche Brückenschläge : zu deutsch-chinesischen Literaturbeziehungen im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Adrian Hsia und Sigfrid Hoefert. (Bern : P. Lang, 1992). (Euro-sinica ; Bd. 3). S. S. 159-160 Publication / Hsia3
2000
Wu, Ning. Canetti und China : Quellen, Materialien, Darstellung und Interpretation. (Stuttgart : Heinz, 2000). (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik ; Nr. 384. Salzburger Beiträge ; Nr. 38). Diss.…
Wu, Ning. Canetti und China : Quellen, Materialien, Darstellung und Interpretation. (Stuttgart : Heinz, 2000). (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik ; Nr. 384. Salzburger Beiträge ; Nr. 38). Diss. Univ. Salzburg, 1995.
S. S. 128
Publication / WuN1
2003 Chen, Yun. Canetti und die chinesische Kultur. (Düsseldorf : Universität Düsseldorf, 2003). Diss. Univ. Düsseldorf, 2003. S. S. 127-128 Publication / ChenY1