Jahr
1927
Text
GĂŒnther, Erich [Eich, GĂŒnter]. Europa contra China [ID D13445].Eich schreibt : Und was war in China in den Jahrhunderten vor der BerĂŒhrung mit Europa ? BlĂŒhte er da, der chinesische Geist, war es ein herrliches Leben da, Segen und selbstverstĂ€ndliches Gedeihen ? Nicht viel davon, die seit anderthalb Jahrtausenden hochgehaltenen Lehren der Staatskunst leer geworden, ein totes GehĂ€use fĂŒr ein lebendiges Volk, vielleicht waren sie nie sehr voll gewesen, Stagnation, Konservatismus, BĂŒrokratieâŠAber der âchinesische Geistâ ist uns nicht not. Not ist die Hingabe an das Bewusstsein, not ist, dass wir unser eigenes Leben uns unverfĂ€lscht erhalten. Wir sind vor allem EuropĂ€er. Europas Weg ist die Tapferkeit im Sinnlosen. Vielleicht ist das wenig, aber das Chinesentum und alles andere ist noch weniger. Hören wir auf, von China zu reden, und reden lieber von uns selbstâŠKonfuzius ist ein nĂŒchternes Holzgestell mit moralischem Anstrich, der ganz Mann ein drohend erhobener Zeigefinger. Ihm verdankt, Gott seiâs geklagt, China das Meiste.Laotse, geboren als Greis und Weiser, schattenhafte RĂ€tselgestalt : Er ist von allen noch der Konsequenteste, will wirklich zur Natur, weg von der Kultur, aber er grenzt nicht ab, sein Ideal sind zwar privitive ZustĂ€nde, aber immer noch menschliche, und Natur fĂ€ngt erst an und Kultur hört erst auf, wo der Mensch aufhört. ⊠Der Chinese will sich anpassen, der EuropĂ€er zwingt der Natur sein Werk auf, das ist der einzige, der notwendige, wenn vielleicht auch resignierte Standpunkt. Denn zurĂŒck können wir nicht. Die grosse FĂ€higkeit des Chinesen, sich in die Natur einfĂŒhlen zu können, sei âdas Sein selbstâ⊠Wer wirklich Teil von ihr [Natur] sein wollte, mĂŒsste weitergehen als Laotse ; der radikalste Chinese mĂŒsste ein Tier werden, denn Kultur beginnt mit dem BewusstseinâŠAlle chinesischen Denker zeigen den Weg zum Einklang mit der Natur â jeder einen anderen. Nie werden irgendwelche Zweifel laut an der Möglichkeit einer solchen Einordnung, einer solchenâŠ
GĂŒnther, Erich [Eich, GĂŒnter]. Europa contra China [ID D13445].
Eich schreibt : Und was war in China in den Jahrhunderten vor der BerĂŒhrung mit Europa ? BlĂŒhte er da, der chinesische Geist, war es ein herrliches Leben da, Segen und selbstverstĂ€ndliches Gedeihen ? Nicht viel davon, die seit anderthalb Jahrtausenden hochgehaltenen Lehren der Staatskunst leer geworden, ein totes GehĂ€use fĂŒr ein lebendiges Volk, vielleicht waren sie nie sehr voll gewesen, Stagnation, Konservatismus, BĂŒrokratieâŠ
Aber der âchinesische Geistâ ist uns nicht not. Not ist die Hingabe an das Bewusstsein, not ist, dass wir unser eigenes Leben uns unverfĂ€lscht erhalten. Wir sind vor allem EuropĂ€er. Europas Weg ist die Tapferkeit im Sinnlosen. Vielleicht ist das wenig, aber das Chinesentum und alles andere ist noch weniger. Hören wir auf, von China zu reden, und reden lieber von uns selbstâŠ
Konfuzius ist ein nĂŒchternes Holzgestell mit moralischem Anstrich, der ganz Mann ein drohend erhobener Zeigefinger. Ihm verdankt, Gott seiâs geklagt, China das Meiste.
Laotse, geboren als Greis und Weiser, schattenhafte RĂ€tselgestalt : Er ist von allen noch der Konsequenteste, will wirklich zur Natur, weg von der Kultur, aber er grenzt nicht ab, sein Ideal sind zwar privitive ZustĂ€nde, aber immer noch menschliche, und Natur fĂ€ngt erst an und Kultur hört erst auf, wo der Mensch aufhört. ⊠Der Chinese will sich anpassen, der EuropĂ€er zwingt der Natur sein Werk auf, das ist der einzige, der notwendige, wenn vielleicht auch resignierte Standpunkt. Denn zurĂŒck können wir nicht. Die grosse FĂ€higkeit des Chinesen, sich in die Natur einfĂŒhlen zu können, sei âdas Sein selbstâ⊠Wer wirklich Teil von ihr [Natur] sein wollte, mĂŒsste weitergehen als Laotse ; der radikalste Chinese mĂŒsste ein Tier werden, denn Kultur beginnt mit dem BewusstseinâŠ
Alle chinesischen Denker zeigen den Weg zum Einklang mit der Natur â jeder einen anderen. Nie werden irgendwelche Zweifel laut an der Möglichkeit einer solchen Einordnung, einer solchen RĂŒckkehr zur Natur, obwohl dagegen schon die HĂ€ufigkeit der Forderung sprach. Wer ganz in der Natur ist, verlangt nicht nach ihr. Nie in China schwang mehr als bei uns der Mensch im kosmischen Geschehen, er mĂŒsste aber kein Mensch sein. DarĂŒber hin tĂ€uscht auch nicht die âUrwĂŒchsigkeitâ und die gewiss grosse FĂ€higkeit des Chinesen, sich einzufĂŒhlen, in Pflanzen, Stein, Berg und Landschaft, wie sich das in seiner herrlichen Malerei und seiner Dichtung offenbart.
Yamane Keiko : Man spĂŒrt Eichs unsichere, paradoxe Einstellung gegenĂŒber China. Er lehnt zunehmende EinflĂŒsse Chinas auf Europa ab. âDiejenigen EuropĂ€er seinen schlecht, die sich selbst und uns zu Chinesen machen. Wenn die EuropĂ€er manches nötig hĂ€tten, hat China ebenso viel und mehr nötigâ. Eich betont die negative Seite Chinas und meint, dass es als das klassische Land des BĂŒrgerkrieges jetzt und seit hundert Jahren immer mehr irre an seinem Geist werde. Eich kann allerdings nicht alles, was in China steckt, als unnĂŒtz fĂŒr den Westen abtun und gibt doch als einen der grossen Unterschiede zu, dass der chinesische Geist âeine imponierende Einheitlichkeit in seinen vielfachen Verzweigungen hat ; als Letztes und Wichtigstes kehrt immer und bei allen wieder die Idee der Eingliederung in den Lauf des Naturganzen, in das âTaoâ.
Eich hĂ€lt zwar an Europa fest, aber weniger deswegen, weil EuropĂ€er einen besseren Weg gehen als Chinesen, sondern auf Grund der Einsicht, dass eine solche weitreichende Entwicklung wie in Europa nicht wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden kann. Er fordert seine Leser auf, allen Gefahren zum Trotz den geraden Weg weiter zu schreiten ; denn er hĂ€lt PassivitĂ€t ĂŒberhaupt, die in China als Tugend angesehen wird, fĂŒr primitiv und deshalb fĂŒr rĂŒckstĂ€ndiger als die AktivitĂ€t der EuropĂ€er. China ist das Land, das nachholen soll, was Europa schon erreicht hat. âWir sind vor allem EuropĂ€er. Europas Weg ist die Tapferkeit im Sinnlosenâ.
Eich ist der Meinung, dass man die Kriege in China nicht einfach Europa zur Last legen kann, als wĂ€re ihre Ursache die steigende Verwirrung durch die BerĂŒhrung mit dem FremdlĂ€ndischen.
Wei Maoping : Eichs Kritik bezieht sich hauptsĂ€chlich auf die strengen, aber âschrullenhaftenâ Vorschriften, die das chinesische Leben vom AlltĂ€glichen bis zur Politik damals noch weitgehend bestimmt haben.
Kaneko Sho : Eich steht vor der Alternative : Europa oder China, Kultur oder Natur, Bewusstsein oder Unbewusstsein, Zergliederung der Welt oder Eingliederung des Menschen, die mögliche und notwendige Eingliederung in den Lauf der Naturganzen.
Eich schreibt : Und was war in China in den Jahrhunderten vor der BerĂŒhrung mit Europa ? BlĂŒhte er da, der chinesische Geist, war es ein herrliches Leben da, Segen und selbstverstĂ€ndliches Gedeihen ? Nicht viel davon, die seit anderthalb Jahrtausenden hochgehaltenen Lehren der Staatskunst leer geworden, ein totes GehĂ€use fĂŒr ein lebendiges Volk, vielleicht waren sie nie sehr voll gewesen, Stagnation, Konservatismus, BĂŒrokratieâŠ
Aber der âchinesische Geistâ ist uns nicht not. Not ist die Hingabe an das Bewusstsein, not ist, dass wir unser eigenes Leben uns unverfĂ€lscht erhalten. Wir sind vor allem EuropĂ€er. Europas Weg ist die Tapferkeit im Sinnlosen. Vielleicht ist das wenig, aber das Chinesentum und alles andere ist noch weniger. Hören wir auf, von China zu reden, und reden lieber von uns selbstâŠ
Konfuzius ist ein nĂŒchternes Holzgestell mit moralischem Anstrich, der ganz Mann ein drohend erhobener Zeigefinger. Ihm verdankt, Gott seiâs geklagt, China das Meiste.
Laotse, geboren als Greis und Weiser, schattenhafte RĂ€tselgestalt : Er ist von allen noch der Konsequenteste, will wirklich zur Natur, weg von der Kultur, aber er grenzt nicht ab, sein Ideal sind zwar privitive ZustĂ€nde, aber immer noch menschliche, und Natur fĂ€ngt erst an und Kultur hört erst auf, wo der Mensch aufhört. ⊠Der Chinese will sich anpassen, der EuropĂ€er zwingt der Natur sein Werk auf, das ist der einzige, der notwendige, wenn vielleicht auch resignierte Standpunkt. Denn zurĂŒck können wir nicht. Die grosse FĂ€higkeit des Chinesen, sich in die Natur einfĂŒhlen zu können, sei âdas Sein selbstâ⊠Wer wirklich Teil von ihr [Natur] sein wollte, mĂŒsste weitergehen als Laotse ; der radikalste Chinese mĂŒsste ein Tier werden, denn Kultur beginnt mit dem BewusstseinâŠ
Alle chinesischen Denker zeigen den Weg zum Einklang mit der Natur â jeder einen anderen. Nie werden irgendwelche Zweifel laut an der Möglichkeit einer solchen Einordnung, einer solchen RĂŒckkehr zur Natur, obwohl dagegen schon die HĂ€ufigkeit der Forderung sprach. Wer ganz in der Natur ist, verlangt nicht nach ihr. Nie in China schwang mehr als bei uns der Mensch im kosmischen Geschehen, er mĂŒsste aber kein Mensch sein. DarĂŒber hin tĂ€uscht auch nicht die âUrwĂŒchsigkeitâ und die gewiss grosse FĂ€higkeit des Chinesen, sich einzufĂŒhlen, in Pflanzen, Stein, Berg und Landschaft, wie sich das in seiner herrlichen Malerei und seiner Dichtung offenbart.
Yamane Keiko : Man spĂŒrt Eichs unsichere, paradoxe Einstellung gegenĂŒber China. Er lehnt zunehmende EinflĂŒsse Chinas auf Europa ab. âDiejenigen EuropĂ€er seinen schlecht, die sich selbst und uns zu Chinesen machen. Wenn die EuropĂ€er manches nötig hĂ€tten, hat China ebenso viel und mehr nötigâ. Eich betont die negative Seite Chinas und meint, dass es als das klassische Land des BĂŒrgerkrieges jetzt und seit hundert Jahren immer mehr irre an seinem Geist werde. Eich kann allerdings nicht alles, was in China steckt, als unnĂŒtz fĂŒr den Westen abtun und gibt doch als einen der grossen Unterschiede zu, dass der chinesische Geist âeine imponierende Einheitlichkeit in seinen vielfachen Verzweigungen hat ; als Letztes und Wichtigstes kehrt immer und bei allen wieder die Idee der Eingliederung in den Lauf des Naturganzen, in das âTaoâ.
Eich hĂ€lt zwar an Europa fest, aber weniger deswegen, weil EuropĂ€er einen besseren Weg gehen als Chinesen, sondern auf Grund der Einsicht, dass eine solche weitreichende Entwicklung wie in Europa nicht wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden kann. Er fordert seine Leser auf, allen Gefahren zum Trotz den geraden Weg weiter zu schreiten ; denn er hĂ€lt PassivitĂ€t ĂŒberhaupt, die in China als Tugend angesehen wird, fĂŒr primitiv und deshalb fĂŒr rĂŒckstĂ€ndiger als die AktivitĂ€t der EuropĂ€er. China ist das Land, das nachholen soll, was Europa schon erreicht hat. âWir sind vor allem EuropĂ€er. Europas Weg ist die Tapferkeit im Sinnlosenâ.
Eich ist der Meinung, dass man die Kriege in China nicht einfach Europa zur Last legen kann, als wĂ€re ihre Ursache die steigende Verwirrung durch die BerĂŒhrung mit dem FremdlĂ€ndischen.
Wei Maoping : Eichs Kritik bezieht sich hauptsĂ€chlich auf die strengen, aber âschrullenhaftenâ Vorschriften, die das chinesische Leben vom AlltĂ€glichen bis zur Politik damals noch weitgehend bestimmt haben.
Kaneko Sho : Eich steht vor der Alternative : Europa oder China, Kultur oder Natur, Bewusstsein oder Unbewusstsein, Zergliederung der Welt oder Eingliederung des Menschen, die mögliche und notwendige Eingliederung in den Lauf der Naturganzen.
ErwÀhnte Personen (1)
Themengebiete (2)
- Literatur âș Westen âș China als Thema
- Literatur âș Westen âș Deutschland
Dokumente (3)
| Jahr | Bibliografische Daten | Typ / AbkĂŒrzung | VerknĂŒpfte Daten |
|---|---|---|---|
| 1977 | Kaneko, Sho. Naturlyrik als Entscheidung - GĂŒnter Eichs Lyrik bis 1955. In : Deutsche Vierteljahrsschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte ; Bd. 51, H. 2. S. S. 269 | Publication / Eich5 |
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| 1983 |
Yamane, Keiko. Asiatische EinflĂŒsse auf GĂŒnter Eich : vom Chinesischen zum Japanischen. (Frankfurt a.M. : P. Lang, 1983). (EuropĂ€ische Hochschulschriften. Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur ;âŠ
S. S. 6-8, 12
Yamane, Keiko. Asiatische EinflĂŒsse auf GĂŒnter Eich : vom Chinesischen zum Japanischen. (Frankfurt a.M. : P. Lang, 1983). (EuropĂ€ische Hochschulschriften. Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur ; Bd. 691).
|
Publication / Eich2 |
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| 1989 | Wei, Maoping. GĂŒnter Eich und China : Studien ĂŒber die Beziehungen des Werks von GĂŒnter Eich zur chinesischen Geisteswelt. (Heidelberg : UniversitĂ€t Heidelberg, 1989). Diss. Univ. Heidelberg, 1989. S. S. 95, 98, 102 | Publication / Eich4 |
|