Jahr
1819
Text
Die Welt als Wille und Vorstellung [ID D11901].Quellen siehe 1819-1854.Schopenhauer schreibt in Bd. 1, 2. Buch : Sie haben besonders darauf aufmerksam gemacht, daĂ die PolaritĂ€t, d.h. das Auseinandertreten einer Kraft in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiedervereinigung strebende ThĂ€tigkeiten, welches sich meistens auch rĂ€umlich durch ein Auseinandergehn in entgegengesetzte Richtungen offenbart, ein Grundtypus fast aller Erscheinungen der Natur, vom Magnet und Krystall bis zum Menschen ist. In China ist jedoch diese ErkenntniĂ seit den Ă€ltesten Zeiten gangbar, in der Lehre vom Gegensatz des Yin und Yang. â Ja, weil eben alle Dinge der Welt die ObjektitĂ€t des einen und selben Willens, folglich dem innern Wesen nach identisch sind; so muĂ nicht nur jene unverkennbare Analogie zwischen ihnen seyn und in jedem Unvollkommeneren sich schon die Spur, Andeutung, Anlage des zunĂ€chst liegenden Vollkommeneren zeigen; sondern auch, weil alle jene Formen doch nur der Welt als Vorstellung angehören, so lĂ€Ăt sich sogar annehmen, daĂ schon in den allgemeinsten Formen der Vorstellung, in diesem eigentlichen GrundgerĂŒst der erscheinenden Welt, also in Raum und Zeit, der Grundtypus, die Andeutung, Anlage alles Dessen, was die Formen fĂŒllt, aufzufinden und nachzuweisen sei. Es scheint eine dunkle ErkenntniĂ hievon gewesen zu seyn, welche der Kabbala und aller mathematischen Philosophie der Pythagoreer, auch der Chinesen, im Y-king [Yi jing], den Ursprung gab: und auch in jener Schellingischen Schule finden wir, bei ihren mannigfaltigen Bestrebungen die Analogie zwischen allen Erscheinungen der Natur an das Licht zu ziehn, auch manche, wiewohl unglĂŒckliche Versuche, aus den bloĂen Gesetzen des Raumes und der Zeit Naturgesetze abzuleiten. Indessen kann man nicht wissen, wie weit ein Mal ein genialer Kopf beide Bestrebungen realisiren wird.Bd. 1, 4. Buch : So kommen alle Kreaturen dem guten Menschen zu Nutz: eine Kreatur in der andern trĂ€gt ein guter Mensch zuâŠ
Die Welt als Wille und Vorstellung [ID D11901].
Quellen siehe 1819-1854.
Schopenhauer schreibt in Bd. 1, 2. Buch : Sie haben besonders darauf aufmerksam gemacht, daĂ die PolaritĂ€t, d.h. das Auseinandertreten einer Kraft in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiedervereinigung strebende ThĂ€tigkeiten, welches sich meistens auch rĂ€umlich durch ein Auseinandergehn in entgegengesetzte Richtungen offenbart, ein Grundtypus fast aller Erscheinungen der Natur, vom Magnet und Krystall bis zum Menschen ist. In China ist jedoch diese ErkenntniĂ seit den Ă€ltesten Zeiten gangbar, in der Lehre vom Gegensatz des Yin und Yang. â Ja, weil eben alle Dinge der Welt die ObjektitĂ€t des einen und selben Willens, folglich dem innern Wesen nach identisch sind; so muĂ nicht nur jene unverkennbare Analogie zwischen ihnen seyn und in jedem Unvollkommeneren sich schon die Spur, Andeutung, Anlage des zunĂ€chst liegenden Vollkommeneren zeigen; sondern auch, weil alle jene Formen doch nur der Welt als Vorstellung angehören, so lĂ€Ăt sich sogar annehmen, daĂ schon in den allgemeinsten Formen der Vorstellung, in diesem eigentlichen GrundgerĂŒst der erscheinenden Welt, also in Raum und Zeit, der Grundtypus, die Andeutung, Anlage alles Dessen, was die Formen fĂŒllt, aufzufinden und nachzuweisen sei. Es scheint eine dunkle ErkenntniĂ hievon gewesen zu seyn, welche der Kabbala und aller mathematischen Philosophie der Pythagoreer, auch der Chinesen, im Y-king [Yi jing], den Ursprung gab: und auch in jener Schellingischen Schule finden wir, bei ihren mannigfaltigen Bestrebungen die Analogie zwischen allen Erscheinungen der Natur an das Licht zu ziehn, auch manche, wiewohl unglĂŒckliche Versuche, aus den bloĂen Gesetzen des Raumes und der Zeit Naturgesetze abzuleiten. Indessen kann man nicht wissen, wie weit ein Mal ein genialer Kopf beide Bestrebungen realisiren wird.
Bd. 1, 4. Buch : So kommen alle Kreaturen dem guten Menschen zu Nutz: eine Kreatur in der andern trĂ€gt ein guter Mensch zu Gott.« Er will sagen: dafĂŒr, daĂ der Mensch, in und mit sich selbst, auch die Thiere erlöst, benutzt er sie in diesem Leben. â Sogar scheint mir die schwierige Bibelstelle Röm. 8, 21-24 in diesem Sinne auszulegen zu seyn. Auch im Buddhaismus fehlt es nicht an AusdrĂŒcken der Sache: z.B. als Buddha, noch als Bodhisatwa, sein Pferd zum letzten Male, nĂ€mlich zur Flucht aus der vĂ€terlichen Residenz in die WĂŒste, satteln lĂ€Ăt, spricht er zu demselben den Vers: »Schon lange Zeit bist du im Leben und im Tode da; jetzt aber sollst du aufhören zu tragen und zu schleppen. Nur dies Mal noch, o Kantakana, trage mich von hinnen, und wann ich werde das Gesetz erlangt haben (Buddha geworden seyn), werde ich deiner nicht vergessen.« (Foe Koue Ki, trad. p. Abel Remusat, S. 233.)
Bd. 2, ErgĂ€nzungen zum Buch 1, Kap. 17 : Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Massstabe der Wahrheit nehmen, so mĂŒsste ich dem Buddhaismus den Vorrang vor den andern zugestehen. Jedenfalls muss es mich freuen, meine Lehre in so grosser Ăbereinstimmung mit einer Religion zu sehen, welche die MajoritĂ€t auf Erden fĂŒr sich hat.
SekundÀrliteratur
Liu Weijian : Arthur Schopenhauer versucht aus seiner Begeisterung fĂŒr den Buddhismus keinen Hehl zu machen. Er versuchte nicht nur den Buddhismus an die Stelle des Christentums zu setzen, sondern sogar das Christentum wegen seines Pessimismus, seiner Askese und seiner Ethik als aus dem Buddhismus hervorgegangene Religion zu deuten. Seitdem ist das deutsche Geistesleben des 19. Jahrhunderts nicht mehr vom Einfluss des Buddhismus zu trennen...
Schopenhauer zollt bei seiner Kritik am Christentum der buddhistischen Lehre grosse Anerkennung und leitet deren Rezeption ein, die sodann Nietzsche bewusst im Kampf gegen den christlichen dogmatischen Wahrheitsanspruch und die Schopenhauersche pessimistische Weltanschauung fortsetzt, indem er den Buddhismus fĂŒr die Subversion der christlichen absoluten Werte und das Konzept der diesseitigen Sinnschöpfung und Selbsterlösung reaktiviert.
Han Ruixin : Schopenhauer war ein Bewunderer der buddhistischen Lehre. Seiner Ansicht nach sei Buddhismus stĂ€rker als europĂ€ische Religion und werde nach Europa strömen und eine GrundĂ€nderung in Wissen und Denken der EuropĂ€er hervorbringen. Sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung lĂ€sst erkennen, dass er sich bei der Ausgestaltung seiner Lehre vom Buddhismus anregen liess. Der Buddhismus, aus dem Schopenhauer fĂŒr seine Lehre schöpfte, stellte in China die grösste Gemeinschaft von GlĂ€ubigen und hat zugleich viele BerĂŒhrungspunkte mit dem chinesischen Taoismus.
Quellen siehe 1819-1854.
Schopenhauer schreibt in Bd. 1, 2. Buch : Sie haben besonders darauf aufmerksam gemacht, daĂ die PolaritĂ€t, d.h. das Auseinandertreten einer Kraft in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiedervereinigung strebende ThĂ€tigkeiten, welches sich meistens auch rĂ€umlich durch ein Auseinandergehn in entgegengesetzte Richtungen offenbart, ein Grundtypus fast aller Erscheinungen der Natur, vom Magnet und Krystall bis zum Menschen ist. In China ist jedoch diese ErkenntniĂ seit den Ă€ltesten Zeiten gangbar, in der Lehre vom Gegensatz des Yin und Yang. â Ja, weil eben alle Dinge der Welt die ObjektitĂ€t des einen und selben Willens, folglich dem innern Wesen nach identisch sind; so muĂ nicht nur jene unverkennbare Analogie zwischen ihnen seyn und in jedem Unvollkommeneren sich schon die Spur, Andeutung, Anlage des zunĂ€chst liegenden Vollkommeneren zeigen; sondern auch, weil alle jene Formen doch nur der Welt als Vorstellung angehören, so lĂ€Ăt sich sogar annehmen, daĂ schon in den allgemeinsten Formen der Vorstellung, in diesem eigentlichen GrundgerĂŒst der erscheinenden Welt, also in Raum und Zeit, der Grundtypus, die Andeutung, Anlage alles Dessen, was die Formen fĂŒllt, aufzufinden und nachzuweisen sei. Es scheint eine dunkle ErkenntniĂ hievon gewesen zu seyn, welche der Kabbala und aller mathematischen Philosophie der Pythagoreer, auch der Chinesen, im Y-king [Yi jing], den Ursprung gab: und auch in jener Schellingischen Schule finden wir, bei ihren mannigfaltigen Bestrebungen die Analogie zwischen allen Erscheinungen der Natur an das Licht zu ziehn, auch manche, wiewohl unglĂŒckliche Versuche, aus den bloĂen Gesetzen des Raumes und der Zeit Naturgesetze abzuleiten. Indessen kann man nicht wissen, wie weit ein Mal ein genialer Kopf beide Bestrebungen realisiren wird.
Bd. 1, 4. Buch : So kommen alle Kreaturen dem guten Menschen zu Nutz: eine Kreatur in der andern trĂ€gt ein guter Mensch zu Gott.« Er will sagen: dafĂŒr, daĂ der Mensch, in und mit sich selbst, auch die Thiere erlöst, benutzt er sie in diesem Leben. â Sogar scheint mir die schwierige Bibelstelle Röm. 8, 21-24 in diesem Sinne auszulegen zu seyn. Auch im Buddhaismus fehlt es nicht an AusdrĂŒcken der Sache: z.B. als Buddha, noch als Bodhisatwa, sein Pferd zum letzten Male, nĂ€mlich zur Flucht aus der vĂ€terlichen Residenz in die WĂŒste, satteln lĂ€Ăt, spricht er zu demselben den Vers: »Schon lange Zeit bist du im Leben und im Tode da; jetzt aber sollst du aufhören zu tragen und zu schleppen. Nur dies Mal noch, o Kantakana, trage mich von hinnen, und wann ich werde das Gesetz erlangt haben (Buddha geworden seyn), werde ich deiner nicht vergessen.« (Foe Koue Ki, trad. p. Abel Remusat, S. 233.)
Bd. 2, ErgĂ€nzungen zum Buch 1, Kap. 17 : Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Massstabe der Wahrheit nehmen, so mĂŒsste ich dem Buddhaismus den Vorrang vor den andern zugestehen. Jedenfalls muss es mich freuen, meine Lehre in so grosser Ăbereinstimmung mit einer Religion zu sehen, welche die MajoritĂ€t auf Erden fĂŒr sich hat.
SekundÀrliteratur
Liu Weijian : Arthur Schopenhauer versucht aus seiner Begeisterung fĂŒr den Buddhismus keinen Hehl zu machen. Er versuchte nicht nur den Buddhismus an die Stelle des Christentums zu setzen, sondern sogar das Christentum wegen seines Pessimismus, seiner Askese und seiner Ethik als aus dem Buddhismus hervorgegangene Religion zu deuten. Seitdem ist das deutsche Geistesleben des 19. Jahrhunderts nicht mehr vom Einfluss des Buddhismus zu trennen...
Schopenhauer zollt bei seiner Kritik am Christentum der buddhistischen Lehre grosse Anerkennung und leitet deren Rezeption ein, die sodann Nietzsche bewusst im Kampf gegen den christlichen dogmatischen Wahrheitsanspruch und die Schopenhauersche pessimistische Weltanschauung fortsetzt, indem er den Buddhismus fĂŒr die Subversion der christlichen absoluten Werte und das Konzept der diesseitigen Sinnschöpfung und Selbsterlösung reaktiviert.
Han Ruixin : Schopenhauer war ein Bewunderer der buddhistischen Lehre. Seiner Ansicht nach sei Buddhismus stĂ€rker als europĂ€ische Religion und werde nach Europa strömen und eine GrundĂ€nderung in Wissen und Denken der EuropĂ€er hervorbringen. Sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung lĂ€sst erkennen, dass er sich bei der Ausgestaltung seiner Lehre vom Buddhismus anregen liess. Der Buddhismus, aus dem Schopenhauer fĂŒr seine Lehre schöpfte, stellte in China die grösste Gemeinschaft von GlĂ€ubigen und hat zugleich viele BerĂŒhrungspunkte mit dem chinesischen Taoismus.
ErwÀhnte Personen (1)
Themengebiete (1)
- Philosophie âș Europa âș Deutschland